Politik : ...der Kranz glüht

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In die Debatte um die richtige Textfolge der deutschen Nationalhymne hat sich nun Jörg Schönbohm eingeschaltet. Der Innenminister des Landes Brandenburg hat das Singen der Nationalhymne als Pflichtstoff in den Schulen gefordert. „Es darf nicht sein, dass jemand die Schule verlässt, ohne die Hymne singen zu können.“ Recht hat er, wenn man ein Postulat des berühmten Musikzeilenforschers Axel Hacke berücksichtigt: „Die besseren Liedtexte entstehen in den Köpfen der Hörer.“ So etwa: „Brüh im Lichte dieses Glückes“ im Kopf von Sarah Connor. Oder: „Einigkeit und Recht und Freiheit sind des Glückes Schmiedes Hand“ im Kopf von Daniel Küblböck. Die Kopfgeburten sind dem Fachblatt der Hymnenhüter entnommen, der „Bild“, in dem auch die Frage aufgeworfen wird, ob man daheim aufstehen muss, wenn im Fernsehen die Hymne läuft. Eine eindeutige Antwort gibt das Organ nicht.

Sarah Connor hat ihre Textinterpretation bekanntlich unter Flutlicht des neuen Münchner Stadions zum Vortrag gebracht. „Glüh im Kranze dieses Lichtes“ wäre wohl die stimmigere Version gewesen, aber nun gut, vielleicht hatte Frau Connor Hunger und war in Gedanken schon bei der Brühwurst. So oder so ist die Hymne als Hommage an die Industrie zu verstehen, im einen Fall an die Nahrungsmittelindustrie, im anderen an die Energieversorger. Was gäbe es gegen Hommagen an die Industrie zu sagen?

Die Hymne und der Fußball. Ansonsten ist das ein weites Feld. Unvergessen etwa die Weltmeister von 1974. Stumm standen sie da, stumm wie die Fische und lauschten der Melodie aus Joseph Haydns Kaiserquartett (2. Satz, op. 76, Nr 3 GDur). Damals hatte Jörg Schönbohm politisch noch nichts zu sagen, die Textsicherheit war noch unterentwickelter als heute. Und Paul Breitner unwillig. Die Hymne störe seine Konzentration, sagte er. Drei Spiele Sperre waren die Folge.

Stefan Effenberg. Der Fußballer kaute Kaugummi, während die Hymne schmetterte. Er kam glimpflich davon. Nur eine Rüge, wo doch der § 90a des Strafgesetzbuches bis zu drei Jahre Haft vorsieht für die öffentliche Verunglimpfung der Hymne. Wenn Effenberg keine Verunglimpfung der Hymne bedeutet, wer sonst?

Ach so ja, die Herren Helmut Kohl, Willy Brandt, Hans-Dietrich Genscher und Jürgen Wohlrabe. Die traten am 10. November 1989 auf den Balkon des Berliner Abgeordnetenhauses und sangen die Hymne — textsicher wohl, aber melodieschwach. Ohnehin hätte das alles viel schlimmer kommen können. Musikzeilenforscher Hacke weiß von einer für dieses Land besonders fatalen Version zu berichten: „Einigkeit und Recht auf Freizeit.“uem

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