Politik : ...der letzte Wille ignoriert wird

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Die Fernsehsendung mit dem Titel „Die 100 besten ersten Sätze der Weltliteratur“ gibt es noch nicht, oder? Gäbe es sie, hätte der hier gute Aussicht auf den Sieg: „Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt.“ Franz Kafka hat ihn geschrieben. Dass wir ihn heute noch kennen, liegt daran, dass Kafkas Freund Max Brod dessen Testament ignoriert hat, in dem es hieß, das gesamte schriftstellerische Werk solle vernichtet werden.

Nun schreiben die wenigsten von uns auf dem Niveau Kafkas, aber der Grundgedanke seiner Verfügung ist verständlich. Wer möchte schon, dass die Nachwelt in allem herumwühlt, was man da irgendwann mal zu Papier gebracht hat? Die Zettel „Der Lerer ist dohf“, erste romantisch glühende Liebeslyrik, Versuche über den fortwährenden Nutzen der MaoBibel für den politischen Alltag – solche Sachen haben ja viele von uns verzapft, bevor sie im Zuge ihrer Karriere einen Pressesprecher erhielten, der fortan das Schlimmste verhindern half.

Der Kafka-Fall erfährt gerade eine Neuauflage: Papst Johannes Paul II. hat verfügt, dass seine persönlichen Manuskripte und Notizen nach seinem Tod verbrannt werden sollen. Doch sein Privatsekretär sieht nun erst einmal alles durch, weil er meint, vieles müsse unbedingt der Nachwelt erhalten bleiben.

Spannende Dinge womöglich. Wie lebt eigentlich ein Papst? Würde er gern einmal shoppen gehen drunten an der spanischen Treppe, ein Premiere- Abo bestellen, Gespräche übers Wetter an der Gartentür führen? Kann er überhaupt Beruf und Arbeit trennen, hängt ihm die Arbeit im Steinbruch der Theologie manchmal womöglich genauso zum Hals heraus wie uns normalsterblichen Beschäftigten das Aktenablegen oder Fiebermessen? „Heute bei der Seligsprechung wieder Gerundium und Gerundivum verwechselt, unbedingt lateinische Grammatik auffrischen“ – so etwas würde den frommen Mann ja sogar Agnostikern näher bringen. Doch am Ende, so steht zu vermuten, werden auch die Notizen des Papstes voll sein von profunden theologischen Reflexionen fern des Alltags. Ob es sich lohnt, dafür seinen letzten Willen zu ignorieren?

Sanktionen drohen offenbar nicht: Kafkas Werk wird immer noch hoch geschätzt. Und drunten in Wien spielen sie längst wieder die Sachen von Thomas Bernhard rauf und runter, obwohl der sich im Testament ausbedungen hat, nie wieder dürfe ein Satz von ihm auf österreichischem Boden aufgeführt werden. Falls es im Jenseits eine Beschwerdestelle gibt, hätte er dort immerhin den Papst auf seiner Seite. bm

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