Politik : … Deutschland den Superstar sucht

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Heute Abend zeigt der Sender RTL eine neue Folge des Sängerwettstreites „Deutschland sucht den Superstar“. In jeder Folge scheidet ein Kandidat aus, bis nur noch einer übrig bleibt – der Superstar eben. Die Jugend liebt diese Sendung, Vergleichbares gab es auch schon im alten Rom.

Diesmal hat ein Kandidat vorher freiwillig aufgegeben, der 18-jährige Stephan Darnstaedt. Das kommt nicht überraschend. Der Kandidat sieht süß aus, deswegen wird er vom Publikum, das zu Hause sitzt, nicht aus der Show herausgewählt. Aber er trifft beim Singen nicht immer die richtigen Töne. Im Saal wurde er ausgebuht und ausgelacht. Er weinte oft. Das ging ihm alles sehr nah. Ein Superstar muss cool sein und an sich glauben. Stephan hatte einen Traum, aber auch Angst vor dem Weg dorthin. Am Anfang war er ein beliebtes Spottobjekt für Dieter Bohlen, den King in der Jury, der nicht für Sensibilität berühmt ist. In der letzten Folge aber war Bohlen beinahe väterlich zu Stephan, er spürte wohl, dass der Junge nervlich am Kippen war.

„Bild“ berichtete auf Seite eins: „Die Heulsuse hat ausgeheult.“ Seite vier: „Ausgeweint! Heulsuse Stephan flieht zu Mama & Papa. Statt Interviews zu geben, pflegt er lieber seine Kaninchen.“ Außerdem, mitfühlend: „Stephan wollte nicht noch mehr Gemeinheiten einstecken.“ Aber eine kleine Gemeinheit von „Bild“ muss er noch verdauen, denn „Bild“ ist eben bei weitem nicht so sensibel wie Dieter Bohlen, „Bild“ schlägt ungefähr den gleichen Ton an, den jetzt die Klassenkameraden in der Schule anschlagen werden. Heulsuse!

Wer prominent ist, muss sich gefallen lassen, dass hin und wieder Spott über ihm oder ihr ausgekippt wird, das sind die Spielregeln in der großen Gladiatorenarena. Aber „Bild“ ist anders, denn „Bild“ nimmt sich auch die armen Teufel zur Brust, die Schwachen, die sich nicht wehren können, die bloß gerne prominent werden würden und sowieso schon am Ende sind. „Bild“ kann so gemein und rachsüchtig sein wie eine pubertierende Schulklasse, aber „Bild“ kann auch lieb sein, „Bild“ kämpft für dich, zumindest so lange, bis es für „Bild“ nicht vorteilhafter ist, dich in die Tonne zu treten.

Bei den Römern, in der Arena, ging es ums Leben. Für einen wie Stephan geht es darum, das Gesicht zu wahren. Wenn er Glück hat, vergessen ihn die Leute schnell. Die Superstaranwärter haben, um berühmt zu werden, sogar öffentlich davon erzählt, wann und wie sie zum ersten Mal Sex hatten. Zu Hause, bei den Kaninchen, ist es sicher netter. mrt

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