Politik : ...Deutschland wieder auspacken kann

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Drei Fakten über Nachkriegsdeutschland, die uns bisher durch alle Globalisierungsstürme getragen haben: 1. Ludwig Erhard hat das Wirtschaftswunder gemacht. 2. Das dritte Tor von Wembley war keins. 3. Schumi wird Weltmeister. Man könnte grob sagen, dass sich die aktuelle wirtschaftliche wie psychische Krise unseres Landes auf diesen drei Säulen lange locker aussitzen lässt.

Beziehungsweise: ließe. Denn richtig ist ja, dass Schumi seit einigen Monaten für die Formel 1 ungefähr die gleiche Bedeutung hat wie Hansa Rostock für die Bundesliga. „Er packt’s nicht mehr!“, sagt sein Bruder, und das heißt in der Konsequenz, dass ganz Deutschlandeinpacken kann. Doch wo Gefahr ist, naht das Rettende allemal, und zwar aus EhraLessien, dem VW-Prüfgelände, wo der neue Bugatti soeben die 400-km/h-Marke überwunden hat. Es scheint sich dabei um eine Art Schallmauer der Autoingenieure zu handeln, und ein Sprecher des Unternehmens sagt sogar, dies sei wichtig gewesen „im Hinblick auf die anderen, die diese Geschwindigkeitsmarke anpeilen“. Eine schwedische Firma namens Koenigsegg gehört zu diesen anderen, vermutlich auch Turbo-Rolf. Denn tödliche Unfälle, die sich bei 250 km/h versehentlich ereignen können, sind bei Tempo 400 unmöglich, weil das Auto dann ja schon längst aus der Gefahrenzone gespurtet ist, nicht wahr? Deutsche Ingenieurkunst!

Ah: Wir waren beim Bugatti stehen geblieben. Schumi beispielsweise könnte einfach seinen nichtsnutzigen Ferrari gegen dieses neue Wundermobil tauschen und beim Driften durch RTL-Kurve und Hatzenbachbogen zusammen mit Corinna auch noch lecker Musik hören. Der Nachteil aus deutscher Sicht bestünde allerdings darin, dass Ferrari und Bugatti erstens ziemlich ähnlich und zweitens äußerst italienisch klingen. Deshalb könnte die deutsche Identität des Wunderrenners Unkundigen verborgen bleiben, und kaum jemand würde draußen das Signal wiedererstarkender teutonischer Wirtschaftskraft vernehmen.

Es hilft also nichts: Der Name Bugatti muss weg. Ein deutscher Name wird gesucht, der Dynamik, Heimatliebe und soziale Verantwortung verbindet. „Jaaaa, da bremst Schumi auf seinem feuerroten Müntefering-Triturbo die gesamte Meute aus, lässt sogar den schnellen Clement seines Bruders links liegen und geht durchs Ziel! Sieg, Siiiiiiieg! Deutschland ist Weltmeister!“

So könnte es gehen. Nun müssen wir uns nur noch was für den Fall ausdenken, dass das dritte Tor doch drin war. Dann kann Deutschland wieder auspacken. bm

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