Politik : … die Ärzte streiken wollen

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Heute streiken die Ärzte in Berlin.

Ein berühmter Arzt aus Reinickendorf hatte vor zwei Wochen in seinem Keller einen Rohrbruch. Das Wasser lief, es war mitten in der Nacht. Er rief den Klempner an. Der Klempner sagte, nein, auf keinen Fall, es ist zu spät, ich liege schon im Bett. Der Arzt ärgerte sich zutiefst und schrie, wie denn, was denn, ich muss nachts auch immer raus, wenn jemand krank ist. Okay, dann komme ich eben, sagte der Klempner. In dem Keller stand das Wasser schon einen Meter hoch. Der Klempner stellte sich auf die Kellertreppe. Er kramte in seiner Klempnertasche. Dann holte er zwei Dichtungsringe heraus, warf sie ins Wasser und sagte zu dem Arzt: „Falls es bis morgen nicht besser ist, rufen Sie wieder an.“

Entschuldigung. Das war jetzt keine im engeren Sinn wahre Geschichte, sondern ein typischer Arztwitz. Das deutsche Gesundheitssystem aber gleicht, um ein typisches Berliner Bild zu verwenden, einem Häuflein Hundekot aus massivem Gold. Einerseits kostet es nämlich in seiner Herstellung viel Geld, andererseits gefällt es fast niemandem. Die Patienten müssen immer mehr bezahlen, die Ärzte verdienen immer weniger, trotzdem wird die ganze Chose ständig teurer. Ein Wunder, wie die Brotvermehrung in der Bibel! Bloß umgekehrt. An der Charité zum Beispiel verdienen Ärzte mit Mitte dreißig 1800 Euro netto, Verheiratete bekommen einen Zuschlag. Viele von ihnen schieben 24-Stunden-Schichten, regelmäßig, sie arbeiten 60 Stunden in der Woche oder mehr. Eine Ärzteorganisation hat ausgerechnet, dass die ganze, schöne Charité überhaupt nur noch deswegen funktioniert, weil es dort pro Monat 85 000 unbezahlte Überstunden gibt. Weil Berlin aber dringend Geld braucht, werden die kleinen Gehälter weiter zusammengeschrumpelt. 1800 Euro? Solch luxuriöse Summen sollen bald Vergangenheit sein. Wir Journalisten könnten nicht 24 Stunden lang Artikel schreiben. Lehrer könnten nicht 24 Stunden lang unterrichten. Ärzte tun das.

Klinikärzte sind also die Leute, die wenig verdienen, fast keine Freizeit haben und bei einer Party als erste müde werden. Die Auflagen der Arztromane und die Einschaltquoten der Arztserien werden davon erstaunlicherweise überhaupt nicht berührt. Der Arzt gilt immer noch als Traummann. Ein armer, müder Traummann. Auch die Arztwitze gibt es immer noch. Arztrealität und Arztimage klaffen inzwischen ähnlich weit auseinander wie etwa 1988 die Realität und ihre offizielle Darstellung in der DDR. Deswegen streiken heute die Ärzte in Berlin. mrt

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