Politik : ... die Erde singt

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Und Eichendorff hatte doch Recht. Wir sollten unsere Romantiker heute mal loben. „Schläft ein Lied in allen Dingen“, hat Joseph von Eichendorff schon früh behauptet, „Die da träumen fort und fort / Und die Welt fängt an zu singen/ triffst du nur das Zauberwort“. So und nicht anders ist es!

Junkee Rhie und Barbara Romanowicz aus Berkeley in den USA haben dieser Tage Joseph von Eichendorff wissenschaftlich bestätigen können. Die Erde singt. Um die Gedanken der beiden Geologen zusammenzufassen: Die Winterstürme, die jetzt bald ungemütlich über uns hinwegfegen, bringen die Meereswasser in Wallungen. Die Wallungen machen auch vor dem Meeresboden nicht Halt. Der Meeresboden gerät in Schwingung. Und dann summt er sich eins. Einerseits ist das nicht zu fassen, andererseits sehr, sehr tröstlich.

Da mühen wir uns auf Erden durchs Jammertal, schleppen Hartz IV mit uns rum, die sächsische Schweiz, Oliver Kahn und Guido Westerwelle, haben also richtig schwer zu tragen an der Last des Lebens – und da unten geht der Punk ab. Rockt der Wal, swingt die Alge, steppt die Muräne. Nicht Aglaophonos, Molpe und Thelxiope, diese Girlgroup namens „Die Sirenen“, sorgt für den betörenden Gesang, auch sind es nicht die melancholischen Wale, – der Meeresboden höchstpersönlich ist es, der die Stimmung macht.

Es gibt allerdings auch Tage, an denen die Party ins kakophonische kippt. Wenn die US-Marines wieder akustische Signale mit 230 Dezibel durchs Wasser schießen und Forscher mit Schall nach Erdgas- und Erdölvorkommen suchen, dann ist auch ganz unten das eigene Wort nicht mehr zu verstehen und die Wale halten sich die Ohren zu. Man muss sich das Gegröle so grausam vorstellen wie im Bierzelt auf der Wies’n.

Meist aber dürfte es so sein, wie es die Muschel erzählt, wenn man sie ans Ohr hält: harmonisch. Gerne würde man nun wissen, was der Meeresboden im Repertoire hat – Im tiefen Keller sitz’ ich hier?, Das Forellenquintett?, Yellow Submarine? –, aber leider brummt er noch tiefer, als Ivan Rebroff je gekommen wäre. Rhie und Romanowicz, die Freunde aus Berkeley, haben Frequenzen von maximal fünf Millihertz ausgemacht. Unterhalb von 20 Hertz hören aber nur sensible Menschen wie Joseph von Eichendorff einen Mucks.

Schade eigentlich. Aber wenn wir demnächst mal wieder an einem Strand entlangspazieren, heiter, sorgenfrei, lebenslustig, dann wissen wir wenigstens, warum es so schön in uns schwingt. Böse Meere haben keine Lieder.uem

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