Politik : ... die Globalisierung den Fußball erfasst

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Es hat an solchen Tagen ja doch alles keinen Sinn. Geschliffene Bonmots über den Kampf um die neue Rechtschreibung, entlarvende Satiren über Hartz IV und seine Gegner – und was bleibt? Alle reden nur über Fußball. Die Fragen des Tages lauten wie folgt: 1. Wird Hertha den StartFluch brechen? 2. Wem haut Ailton als Nächstes einen rein? 3. Oder mehrere?

Überhaupt Ailton. Man wird wohl sagen dürfen, dass der Neu-Schalker die deutsche Meisterschaft mehr oder weniger mit sich selbst ausmacht, denn er spielt unter der Obhut des Allerhöchsten. ER selbst hat unter tätiger Mithilfe zweier ortsansässiger Pfarrer die Schalker Trikots, Bälle und Schuhe mit dem Segen der Kirche belegt und insofern eine neue, etwas profane Dreieinigkeit geschaffen. „Du sollst den Elfer nicht neben den Pfosten setzen“ – das ist das elfte Gebot. Und wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn der Ball, der in den Strafraum fällt, nicht getroffen wird, so verdorret er im Sturme; wird er aber getroffen, dann bringet er viele Punkte.

Auch in weltlicher Hinsicht hat der Fall Ailton einiges zu bieten. Denn der rundliche Brasilianer ist ja praktisch der einzige Stürmer auf deutschem Boden, von dem eine gewisse Torgefahr ausgeht, und deshalb ist es kein Wunder, dass viele ihn gern in der Nationalmannschaft sehen würden. Er selbst hätte nichts dagegen, man müsste ihn einbürgern – aber er spricht verflucht schlecht deutsch. „Hau rein“, „Hintermann“, „Vier Millionen“, das ist alles. Vielen will indessen nicht einleuchten, dass das ein Hinderungsgrund sein könnte, denn Uwe Seeler und Gerd Müller haben noch viel schlechter deutsch gesprochen, ohne dass das ihren Wert für die Nationalmannschaft auch nur marginal eingeschränkt hätte. Als Trainer hätten wir ohnehin jeden genommen, Hiddink, Trapattoni, Rudi Carrell, egal.

Man nennt es Globalisierung, nicht wahr? Dass Fußballer einen bestimmten Pass haben sollen, für den in den Trikots noch nicht einmal Platz ist – das ist das überholte nationalstaatliche Denken des 20.Jahrhunderts. Sollte es beispielsweise in der Ukraine eine gute Elf geben, die den Job für Deutschland zuverlässig und preisgünstig erledigt – was spräche dann dagegen, diesen Job auszulagern? Es läge an Innenminister Schily, die geltenden Regeln großzügig zugunsten des Fußballs einzusetzen. Denn wenn der Präsident Gerhard Meyer-Vorfelder irgendwo im Mittelmeer mit einem Schiff voller sudanesischer Kicker aufgebracht würde, wäre das kontraproduktiv. Und kein gutes Vorzeichen für die WM 2006. bm

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