Politik : ... die Navy stilvoll unterging

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Es liegt in der Natur der Sache, dass im gegenwärtigen USWahlkampf alle Beteiligten ganz schrecklich stark aussehen müssen. Deshalb werden sie heute nur sehr ungern an den 8.September 1923 erinnern, jenen Tag, an dem sieben Zerstörer der US-Navy am Point Arguello nördlich von Los Angeles strandeten. Die Ursache war ein Navigationsfehler, es gab 22 Tote, und die Schiffe waren Schrott. Eine ur-amerikanische Tragödie: „Wir sind die ruhmreiche US-Marine“, mag der kommandierende Admiral gesagt haben, „und wenn das da unten Klippen sind, dann ist das Pech für die Klippen“. Ja, man kann sich sogar vorstellen, dass in den letzten Minuten vor dem endgültigen Absaufen noch rasch eine improvisierte Kapelle aufgeboten wurde, um dem Ereignis einen würdigen Rahmen zu geben: „Halls of Montezuma“ aus vollen Backen, bis das Wasser oben ins Sousaphon hineinlief, während ein paar verliebte Matrosen vorn am Bug Hand in Hand dem Jenseits entgegen sahen.

Das ist das Problem beim Militär: Von draußen sieht es immer ungeheuer imposant und praktisch unbesiegbar aus, aber drinnen regieren oft die Nieten in Nagelstiefeln, konsequent daneben bis in den Tod. Lord Raglans leichte Brigade ritt auf der Krim blindlings ins russische Artilleriefeuer, und Generalleutnant Percival, der tapfere Verteidiger von Singapur, vermochte sich nicht vorzustellen, dass die Japaner dreist über den Landweg aufmarschieren würden, statt sich im Hafen abschießen zu lassen; er soll immerhin sehr stilvoll die weiße Flagge vor sich her getragen haben.

Womöglich liegt es an den Büchern superpatriotischer Autoren wie Tom Clancy, dass wir den Militärs derlei haarsträubende Blödheit nicht mehr zutrauen wollen. Haben wir nicht den lasergelenkten High-Tech-Infanteristen, der den Feind mit Superkleber aus der Spritze human zu Boden wirft? Den Kampfpanzer, der Präventivschläge mit derart mikrochirurgischer Präzision ausführt, dass zwar der Diktator beim Zähneputzen aus dem Bad gefegt wird, seine Zahnbürste aber problemlos noch Wochen benutzbar bleibt?

Es geht, ach, auch heute beim Bekriegen immer wieder alles schief, was schief gehen kann. Nur verkaufen die Militärs sich besser, fluchen vor den Kameras nicht von „bloody fucking bullshit“, sondern denken sich so schöne Begriffe aus wie den „Kollateralschaden“, der die Dummheit vor dem Feind zur unausweichlichen Nebenwirkung stilisiert. Deshalb wird heute in Amerika kaum von sinkenden Schiffen die Rede sein. Sondern allenfalls von effektiven Methoden, die Navy durchgreifend zu modernisieren. bm

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