Politik : ... die Parallelen sich zu treffen beginnen

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Sollte es etwas geben, worüber sich Gerhard Schröder und Edmund Stoiber einig sind, dann ist das neben dem hellen Hefeweizen zweifellos die Furcht vor der Parallelgesellschaft. Das ist auf den ersten Blick verständlich, denn der weltweit größte und am längsten dauernde Parallelgesellschaftsmodellversuch – zwei deutsche Staaten – hat ja scheinbar bewiesen, dass dem Konzept grundsätzlich kein Segen innewohnt.

Andererseits könnte der Fehler des Experiments ja darin gelegen haben, dass sich die beiden Gesellschaften zu ähnlich waren, mit ähnlichen Leibgerichten, Trinkgewohnheiten, sexuellen und religiösen Präferenzen. Sie waren eben nicht akkurat parallel, also auf ein Treffen frühestens in der Unendlichkeit angelegt, sondern sind nach vier Jahrzehnten endgültig aneinander gerasselt. Das stärker parallel orientierte holländische Modell aber leidet auch unter einem Konstruktionsfehler, denn der Mörder Theo van Goghs war ja erkennbar nicht bereit, die holländische Parallelgesellschaft zu dulden.

Schröderstoiber müssen also nach einer politischen Lösung ohne Blutvergießen suchen. Wir könnten im Wege des Kompromisses alles, was im Lande so herumgeistert, zu einer deutschinternationalen Leitgesellschaft verschmelzen, die sich den Werten des christlichen Abendlandes verpflichtet fühlt, aber das Primat des Döners über die Kohlroulade anerkennt und das Kopftuch bei Frauen nur an ungeraden Kalendertagen erlaubt; auch die Pflicht zum tiefergelegten 3er BMW mit Basslautsprecher in Mülltonnengröße wäre beiderseits mehrheitsfähig.

Doch schon die denkbare Legalisierung der Zwangsheirat zumindest in Bayern und Baden-Württemberg würde einen Kulturkampf heraufbeschwören, der das gesamte Konzept gefährden könnte. Abhilfe kann nur eine Parallelgesellschaftsbeobachtungsbehörde schaffen, die zunächst eine Bestandsaufnahme aller existierenden Parellelgesellschaften (Schwule und Lesben? Ostfriesen? Schriftsteller?) vorzulegen und dann Grenzlinien und Minderheitenschutzprogramme zu definieren hätte. Diskriminierungsverbote, Quoten, Schadenersatzpflicht, na, all das schüttelt ein Oberregierungsrat mit grünen Wurzeln ja aus dem Ärmel, und so ist zumindest garantiert, dass kein tadschikischer Muslim abgewiesen wird, der in einer Schöneberger Schwulenkneipe Tee trinken will.

Klingt aufwendig? Ist aber die einzige Lösung. Denn sonst bleibt nur, eine Mauer zu bauen. Und das hat ja, wie wir wissen, nicht einmal zwischen zwei Deutschlands funktioniert. bm

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