Politik : ... die Ratte ratlos macht

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Auf einem Friedhof im nordrhein-westfälischen Soest ist dieser Tage ein neues Grab aufgetaucht, was an sich natürlich noch keine Nachricht wäre, weil immer mal wieder auch in Soest die Menschen sterben müssen, so schön es da auch sein mag. Besagtes Grab fiel denn auch beileibe nicht wegen seiner ebenso ortsüblich wie ordnungsgemäß angebrachten Grableuchte auf, sondern dadurch, dass es nicht registriert war.

Obwohl Fachleute mittlerweile bedenkliche Erosionserscheinungen beim hier zu Lande gängigen Totenkult ausgemacht haben – so weit sind wir Gott sei Dank denn doch noch nicht, dass jeder x-Beliebige unangemeldet auf den Friedhof gehen könnte, um dort mal auf die Schnelle an einem ihm günstig erscheinenden Fleckchen seine/n Liebste/n zu verbuddeln; womöglich sogar gegen deren/dessen erklärten Willen!

Weil angesichts der obskuren Ruhestätte in Soest eben dieser Gedanke besonders nahe lag, blieb der örtlichen Polizei gar nichts anderes übrig, als das Grab öffnen zu lassen. Zum Vorschein kamen zwei kleine Särge, und bevor mit allzu zart besaiteten Gemütern hier nun womöglich die Fantasie durchgeht, sei auch schnell erwähnt, was in den mit Samt ausgeschlagenen Kisten denn drinnen lag: Jeweils eine auf ein Kissen gebettete Ratte. Augenzeugen berichten, das gesamte Ensemble, der Samt, die Kissen, habe durchaus etwas Liebenswertes gehabt.

Man könnte den Vorfall also auf sich beruhen lassen, wenn man denn wüsste, wie er gemeint war. Symbolisch womöglich? Aber wofür? Die Deutschen haben ihre Sekundärtugenden – Pünktlichkeit, Betragen, stabiles Abwehrverhalten – in den letzten Jahren ja etwas schleifen lassen, eine indes blieb auf konstant hohem Niveau: die Tierliebe.

Mag also sein, eine zerrissene Seele hat da ein Zeichen setzen wollen, gegen die Auswüchse der Wegwerfgesellschaft etwa, die sich um ihre Hinterlassenschaften (Müll) nur unzureichend kümmere. Deshalb die Ratten!

Auch möglich, dass da jemand, gleichsam in die noch laufenden Koalitionsverhandlungen hinein, verklausuliert auf den wahren Zustand dieses Landes hat hinweisen wollen. Auch hier scheint die Wahl der Ratten mit augenöffnendem Bedacht gewählt, schließlich werden die Tiere mit keiner Metapher mehr strapaziert, als der, dass sie im Ernstfall das sinkende Schiff verlassen. Wenn man das Signal von Soest allerdings dahingehend dechiffriert, dann hieße das: Obacht, Leute, der Kahn ist schon abgesoffen. Eine erfreuliche Botschaft wäre das nicht. Aber wer sucht schon erfreuliche Botschaften auf einem Friedhof? Vbn

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