Politik : … die roten Socken geöffnet werden

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Der klassisch deutsche Nikolaus hatte deutliche Mängel. Man würde aus heutiger Sicht sagen: Er war marketingmäßig ein Totalversager, eine Schande für die ganze Charity-Branche. Einer, der im Schutz der Dunkelheit kommt, sich von niemandem sehen lässt und überhaupt nur dann spendet, wenn geputzte Schuhe bereitstehen – unmöglich. Niemand putzt heute mehr Schuhe, und selbst wenn: Was passt schon hinein in normales Schuhwerk der Größe 39, eine paar Kekse, eine Mandarine und einen I-Pod mal ausgenommen?

Doch das Problem ist zumindest erkannt, Schritte zur Beseitigung sind eingeleitet. So hart es für den heiligen Nikolaus sein mag: Die feindliche Übernahme seiner Klitsche durch die Weihnachtsmann-AG ist nicht mehr aufzuhalten. Sollte hier jemand „Klingt nach Globalisierung!“ denken, liegt er richtig, denn meist steckt hinter dem weißen Bart ja längst der Kollege Santa Claus. Das klarste Indiz für diesen Befund sind die geräumigen roten Socken, die am Nikolaustag längst den europäischen Stiefel verdrängt haben, und die ja ursprünglich ein Accessoire der US-Bescherung in der Nacht zum 1.Weihnachtsfeiertag sind. Und das, was drinsteckt, kommt womöglich nicht mehr aus traditionellen Christkindwerkstätten hinter den sieben Bergen, sondern wird in fernöstlichen Billiglohnbuden zusammengeklebt.

Auch das Geheimnis um die Transportwege ist längst keins mehr. Schon seit Wochen sieht man an jedem zweiten deutschen Einfamilienhaus putzige kleine Weihnachtsmänner, die entweder in Schieflage am Fensterbrett hängen, mit einer Strickleiter auf Dachluken zustreben oder ihre Nase in den Kamin stecken; sie kommen also rein wie ganz normale Einbrecher. Drunten im Garten wartet Rudolf, das Rentier, die ganze Szenerie wird mit Plastikschnee überpudert und von Myriaden von Leuchtdioden illuminiert. Deutschland, von Konsumstreik gebeutelt und von teurer Energie gequält? Von wegen: Das Land huldigt dem Okkupator wie Nordkorea dem Vorsitzenden Kim Jong Il, und wer nur eine weiße Lichterkette über seine Vorgarten-Fichte hängt, der steht schnell im Ruch des intellektuellen Dissidententums.

Doch ist das von Dauer? In diesem Jahr hörten wir, die Halloween-Welle habe ihren Höhepunkt überschritten. Mag sein, dass Santa Claus übernimmt und den Kürbissen schon Ende Oktober eine rote Mütze aufsetzt. Oder, dass er selbst bald an seine Grenzen stößt. Möglicherweise lohnt es sich, für die Wiederkehr des St. Nikolaus noch eine Dose Schuhcreme aufzuheben. bm

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