Politik : ... die sich zum Rätsel werden

DEUTSCHLAND UND USA

Robert von Rimscha

Vor 60 Jahren überlebte Arno Lustiger die Konzentrationslager. Am Mittwoch saß der Frankfurter Autor im Kloster Bentlage. Dort im Münsterland sprach der Publizist vom „Glück der ganzen Welt". So lobte er George W. Bushs Feldzug gegen Saddam Hussein. Seinen deutschen Mitbürgern warf Lustiger Geschichtsvergessenheit vor. Wer, wenn nicht wir, muss, so argumentierte er, im Kampf gegen Tyrannen an der Seite Amerikas stehen?

Lustigers Worte, eine Minderheitenposition, schärfen den Blick für das, was wahrhaft am deutsch-amerikanischen Verhältnis nagt. Auch nach dem Ende der Kämpfe im Irak. Auch nach den Signalen aus Berlin, pragmatisch in die Zukunft schreiten zu wollen. Auch nachdem Gerhard Schröder am Freitag zweimal den Wünschen Washingtons weit entgegenkam: Die Aufhebung der Irak-Sanktionen rückt in den Vordergrund, die künftige Rolle der UN wird langsam zweitrangig. Und: In Afghanistan prüft Deutschland eine Ausweitung seines Engagements über Kabul hinaus.

Das sind Zugeständnisse – mit vielen offenen Details. Berlin zeigt den Willen zur Konzilianz, um endlich Tauwetter statt Eiszeit plakatieren zu können. Doch die Eiszeit wird bleiben, solange ungelöst ist, was man als das Lustiger-Problem beschreiben könnte. Kürzlich in Athen hat Schröder Europa gepriesen: Hier sei der Wert der „sozialen Teilhabe“ zentral – anders als in den USA. Wo mehr Menschen in den eigenen vier Wänden wohnen und weniger arbeitslos sind. Ein hoher Vertreter eines Schröder-Partners in der Anti-Kriegs-Allianz hat mit Blick auf die USA gerade erklärt: „Wir sind so viel menschlicher!"

Viele im alten Europa – hier macht Donald Rumsfelds Unterscheidung leider Sinn – sind fest davon überzeugt, dass Europa zivilisierter, besser und gerechter als Amerika sei. Gerhard Schröder teilt diese Überzeugung. Natürlich spricht er sie als Politiker nie aus. Aber sie blitzt zuweilen hervor. Die gesamte Irak-Debatte, von der „Abenteuer“-Rüge in Hannover bis zum verkaterten Njet in Goslar, war nur eine Übersetzung. Die Übersetzung eines tiefen Verdachts in das außenpolitische Tagesgeschäft.

Der europäische Verdacht lautet: Amerika handelt falsch, vereinfacht, überschätzt sich, ist naiv und brutal zugleich. Lustiger, die Minderheit, sieht es genau andersherum. Er hegt jenen Verdacht, der sich auch immer mehr Amerikanern aufdrängt: Das traumatisierte Deutschland zieht aus seiner Geschichte die falschen Schlüsse, setzt auf Anti-Amerikanismus zur europäischen Identitätsstiftung, verheddert sich zwischen Schuld- und Minderwertigkeitsgefühlen einerseits und moralischem Lehrmeister-Anspruch andererseits. Da ist der Irak nur ein Indiz. Jahrzehntelange Reformdebatten sind ein anderes.

Wo Deutschland gelähmt scheint, hat Amerika aus dem Schock des 11. Septembers Kraft geschöpft. Heraus kam, wieder einmal, der Aufbruch zu neuen Ufern. Und wenn sie diesmal am Tigris liegen. Unterschiedlicher könnten die Reaktionen nicht sein. Deshalb sieht Amerika die Deutschen als eine Nation, die sich selbst in die Bedeutungslosigkeit manövriert. Powells kurzer Besuch hat nichts dazu beigetragen, diese Kluft zu überbrücken. Er konnte es auch nicht. Er lenkte eher ab. Vom klaren Blick auf jenen Graben, der zwei westliche Kulturen voneinander trennt. Doch Deutschland darf nicht übersehen, welche Frage sich stellt. Nämlich die, ob wir mitten in einem langen Prozess des Auseinanderlebens stecken.

Einen Verdacht indes hat Powell bestätigt. Seine Regierung spricht mit Fischer. Mit Schröder will sie so wenig wie möglich zu tun haben. Den Graben überbrückt niemand mehr.

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