Politik : … die Spannung stirbt

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In Los Angeles ist die Polizei dieser Tage mit einer neuen Spezialwaffe ausgerüstet worden, die die Verbrechensbekämpfung wahrscheinlich auf völlig neue Füße stellen wird: Verdächtige Fahrzeuge können von den Cops künftig mit einem High-Tech-Pfeil beschossen werden, der dann einen Aufkleber auf der Karosserie des putativen Übeltäters platziert. Fertig! Der Aufkleber wiederum leitet über Satellit die Position des Fahrzeugs an die Einsatzzentrale der Polizei. Der Rest ist Routine, die Cops müssen nur noch überlegen, ob sie erst zugreifen und dann einen Kaffee trinken gehen sollen – oder lieber umgekehrt.

Bitte, wer das für eine gute Nachricht hält, der kann dem wild-romantischen Aspekt der Verbrecherjagd auf amerikanischen Highways offenbar so ganz und gar nichts abgewinnen. Denn durch dieses neuartige High-Tech-Klebedings wird künftig ein ganzes Genre überflüssig – richtig: die Verfolgungsjagd. Keine wilden Spurwechsel bei Tempo 180 mehr, keine quietschenden Reifen, keine abgebrochenen Außenspiegel, keine Ausbremsmannöver. Einbahnstraßen werden wahrscheinlich wieder in der vorgeschriebenen Richtung befahren und an einer roten Ampel hält man besser gleich an, ist eh schon egal. Alles wird demnächst dermaßen materialschonend über die Bühne gehen, dass am Ende sogar der Haufen Schrott fehlen wird, der den Triumph des Guten über das Böse versinnbildlicht. Und nie, nie wieder werden wir solch legendäre Sätze hören, wie: „Die Hände aufs Lenkrad, aber gaaanz langsam“.

Kurzum: Wieder so eine Nachricht aus der Kategorie: „Die Welt dreht sich weiter“. Schneller tut sie das, in dieser kalten High-Tech-Glätte und -Geschmeidigkeit. Sicher, im Sinne einer geregelten Arbeitszeit für L. A.s Polizisten ist die Erfindung zu begrüßen, der Kriminalfilm aber, um auf die Kollateralschäden zu sprechen zu kommen, wird abermals ärmer. Schon die Erfindung des zuverlässigen Handys hat in puncto Spannung viel kaputtgemacht. Wer das bestreiten will, der schaue sich noch mal einen dieser 70er-Jahre-„Tatorte“ an, wo die Kommissare in ihren kärglich möblierten Büros zu den Telefonen mit der Wählscheibe greifen mussten und beim Außendienst die Hälfte der Sendezeit nicht erreichbar waren, weil sie damit beschäftigt waren, eine funktionierende Telefonzelle zu finden.

Heute aber hat der Kommissar einen taxifahrenden Vater. Wetten, demnächst darf der auch mit High-Tech-Pfeilen schießen. Dann kommt Christiansen schon um 21.00 Uhr. Will man das? Vbn

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