Politik : … die Stauzeitung kommt

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Guten Morgen, liebe Leserin, lieber Leser. Doch, Sie sind gemeint, genau Sie. Sie stehen im Stau, stockender Kolonnenverkehr, zehn Meter vor, drei Minuten Stand, fünf Meter vor, drei Minuten Stand? Genervt? Macht nichts, nur die Ruhe, lesen Sie Zeitung, nutzen Sie die Zeit. Und wenn Sie, zum Beispiel jetzt, gerade an dieser Stelle … rumms! … dem Vordermann aufs Blech gerollt sind, na und, kleinere Kollateralschäden sind in Kauf zu nehmen, mit denen rollen zwar nicht Sie, aber die Wirtschaft an. Hauptsache, Sie lesen die Zeitung.

Wir entnehmen das Primat der Lektüre ausgerechnet der Schweiz, jenem munteren, mitunter etwas behäbigen Bergvolk im Herzen der Alpen. Bislang kam von dort selten die Kunde von Freizügigkeit und anarchischen Ansätzen, das könnte sich ändern. Es war so: Auf dem Sihlquai in Zürich, einer großen, geraden, gut ausgebauten Hauptstraße stockt in der Früh regelmäßig der Verkehr. Was einen Fahrer zur an sich ja durchaus löblichen Zeitungslektüre animierte. Er wurde indes beobachtet, von aufmerksamen und pflichtbewussten Polizeibeamten, wohl solchen, die den neumodischen Medien mehr zugetan sind als der guten, alten Zeitung, die man in der Hand halten kann, die noch nach Druckerschwärze riecht, bei der man noch spürt, dass sie von Menschen gemacht wird, von Männern und Frauen in den Redaktionsstuben, die sich tagtäglich das Hirn zermartern, und die dann den Ausfluss der Marter zu Papier bringen mit flinken Fingern, und dies dann zu den Setzern und Druckern tragen, und das alles für Sie, liebe Leserin und lieber Leser und äh, ja, äh, jetzt sind wir wohl ein wenig vom Thema abgekommen …

Die Beamten auf jeden Fall zeigten den guten Mann an. Ein Gericht verhängte eine Strafe von 100 Franken. Was auch schon ein Skandal ist, wenn in einem Land, das sich frei wähnt seit Tells Geschoss, das Informationsbedürfnis seiner Bürger unter Kuratel und gar Strafe gestellt wird. Zeitungsfeindlich ist das! Verdammenswert! All die Männern und Frauen, die sich tagtäglich abmühen in den Redaktionsstuben und Setzereien und Druckereien werden ihres schönsten Lohns fürs stete Mühen beraubt: Leser, die lesen. Bah! Wie schäbig! 100 Franken!

Doch hat die Geschichte ein gutes Ende. Der fahrende Leser verzagte nicht, er stritt für sein Recht, ein würdiger Nachfahre des Helden mit der Armbrust. Und er bekam Recht. Seitdem ist es erlaubt, in der schönen Schweiz des morgens auf dem Weg in die Arbeit hinter dem Lenkrad im Stau Zeitung zu lesen. Leute, liebe Leute, macht es den Schweizern gleich, kauft diese Zeitung, kauft, und lest, lest, lest. Wie gesagt, Kollateralschäden …uem

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