Politik : … ein Käfer zum Vorbild wird

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Ehrungen kommen im Leben normalerweise dann, wenn das Leben nahezu vorbei ist. Die blauzüngige Knoblauchkröte – nur ein Beispiel! – wird erst zum Kuscheltier des Jahres gewählt, man baut ihr zuliebe vierspurige Autobahntunnel mit Bambustapeten, selbstreinigender Notdurftstation und Gebärnischen, räumt dem Deutschen Krötenkuratorium das präventive Verbandsklagerecht ein und verlegt Startbahnen neuer Flughäfen – und zack, stirbt sie aus. Trotzdem. Einfach so. Und die Ehrung wird zum Menetekel menschlicher Hybris, zum Zeichen, dass wir es nicht wert sind, weiter die blaue Zunge der unschuldigen Kröte zu schauen, falls wir nicht Umkehr …

So in dieser Richtung jedenfalls. Überraschenderweise hat das Kuratorium, das sich in Deutschland alljährlich mit der Wahl zum „Insekt des Jahres“ befasst, für das Jahr 2006 keinesfalls den superseltenen geflügelten Schafkopfdrescher gekürt, sondern ein Massen-Tier, das jeder kennt, auch ohne im Biologiebuch nachzusehen: den Siebenpunkt-Marienkäfer.

Das ist zunächst ein Zeichen gegen die Heuschreckisierung – und es ist populär. Süß, sagen wir, und das sind doch die mit den zwei Punkten, nur älter, nicht wahr? Neiiiin, entgegnet die Jury, wir haben diese Wahl auch deswegen getroffen, um klar zu machen, dass die Punkte nichts mit dem Alter zu tun haben. Die Punkte sind da immer, und der Käfer lebt nur ein Jahr.

Nachdem das klargestellt ist, können wir uns dem eigentlichen Grund der Wahl zuwenden: Der Marienkäfer kann anpacken, ohne zu jammern. Ohne sich um Geburtenpyramiden oder vage Rentenversprechungen zu kümmern, produziert ein einziges Marienkäferweibchen so viele Larven, dass diese innerhalb eines Jahres 130 000 Blattläuse verspeisen. Umgekehrt bedroht niemand ihr Leben, weil sie bitter schmecken und nicht zur Delikatesse taugen. Sie kriegen keine Tunnel und keine Tapeten, und kein Planer verlegt für sie auch nur einen Fahrradparkplatz. Man könnte sagen: Der Marienkäfer verkörpert idealtypisch eine Reihe vergessener deutscher Sekundärtugenden wie Fleiß, Bescheidenheit und Duldsamkeit.

Eine Idylle? Nun ja. Es gibt da auch noch Harmonia axyridis, den asiatischen Marienkäfer, der seit ein paar Jahren überall in Deutschland herumkrabbelt. Er hat 19 schwarze Flecken, und er scheint den deutschen Kollegen nicht verdrängen zu wollen. Doch wer weiß? Bald wird die Blattlausbekämpfung EU-weit ausgeschrieben, der asiatische Käfer knackt pro Saison und Weibchen vielleicht 150 000 Läuse, und es geht zu Ende mit dem Siebenpunkter. Globalisierung! Dann helfen auch ein paar Autobahntunnel nicht mehr. bm

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