Gewaltsame Auseinandersetzung : Grenzerfahrungen in Kirgistan

Hunderte Tote, Verletzte und Zehntausende auf der Flucht – in Kirgistan droht ein regionaler Krieg. Warum?

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Bei den seit Donnerstagabend andauernden gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Kirgisen und Angehörigen der usbekischen Minderheit im Süden kamen nach Angaben des Roten Kreuz hunderte Menschen ums Leben. Rund 1800 wurden verletzt. Die Behörden im benachbarten Usbekistan berichteten zudem von 75 000 Menschen, die auf ihrer Seite der Grenze Schutz suchten, sagte der Sondergesandte der Vereinten Nationen, Miroslav Jenca. „Aber diese Zahl steigt und könnte bald bei mehr als 100 000 liegen.“

Das Auswärtige Amt organisierte in der Nacht zu Dienstag die Evakuierung von 89 Europäern und anderen Ausländern aus der Stadt Osch. Die deutsche Botschaft in Bischkek sei die einzige Vertretung eines EU-Staates vor Ort, sagte Außenminister Guido Westerwelle (FDP) in Berlin. Zudem zahlt Deutschland 500 000 Euro für humanitäre Hilfen. Insgesamt stellt die EU-Kommission fünf Millionen Euro zur Verfügung.

Um was geht es bei diesem Konflikt?

Augenzeugen berichten, alles habe mit einem banalen Streit Jugendlicher um Gewinne am Spieltisch eines Casinos in Osch angefangen. Dann hätten die Gruppen ihre Differenzen auf dem Markt mit Waffen ausgetragen. Weitere Randalierer hätten sich eingemischt. Später sei der Konflikt zu Plünderungen von Geschäften, Brandstiftungen und Pogromen eskaliert. Ein Sprecher der UN-Hochkommissarin für Menschenrechte, Navi Pillay, spricht von „geplanten und gezielt durchgeführten Gewaltausbrüchen“. Die Täter seien bewaffnet und mit Sturmmasken vermummt gewesen. Klar ist, dass sich die Angriffe gegen die usbekische Minderheit gerichtet haben, die als agil und geschäftstüchtig gilt und daher im Durchschnitt wohlhabender als die kirgisische Mehrheit ist.

Der Anlass darf jedoch nicht mit den Ursachen verwechselt werden und die liegen tiefer. Es geht vor allem um die Neuordnung der Besitzverhältnisse, wie sie in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion im Allgemeinen und in den zentralasiatischen Staaten im Besonderen nach jedem Machtwechsel ansteht. In Zentralasien kommt hinzu, dass Umstürze wie die kirgisische Tulpenrevolution 2005 und die Gegenrevolte im April dieses Jahres stets mit Hilfe halbkrimineller Clans durchgeführt werden. Da diese ethnisch oder regional organisiert sind, eskaliert der Kampf um Macht zusätzlich. Mit Unruhen wie jetzt in Kirgistan begann 1992 auch ein fünfjähriger Bürgerkrieg im benachbarten Tadschikistan. Der Konflikt wurde mithilfe der UN beigelegt, aber er kann jederzeit erneut aufbrechen.

Welchen historischen Hintergrund hat die Auseinandersetzung?

Der Konflikt der Volksgruppen in Kirgistan reicht in die Zeit Stalins zurück. Bis zur Gründung der Sowjetunion 1922 lebten die Menschen dort in ethnisch durchmischten Kleinstaaten und bezogen ihre kollektive Identität nicht aus der jeweiligen Ethnie, sondern aus der gemeinsamen Zugehörigkeit zum Islam. Aus Furcht vor Aufständen zog Stalin die Grenzen mitten durch das Siedlungsgebiet der dort lebenden Völker, als er das vom Zarenreich annektierte Zentralasien 1936 in fünf Sowjetrepubliken zerlegte. Multinationale Kunstgebilde entstanden.

Allein schon deshalb hatten die Bewohner der zentralasiatischen Unionsrepubliken Probleme, ein Zusammengehörigkeitsgefühl zu entwickeln. Hinzu kommt, dass selbst die Angehörigen der Mehrheitsvölker ihre Identität – wie in Afghanistan auch – bis heute nicht aus der jeweiligen Ethnie herleiten. Turkmenistan ist beispielsweise keine Nation, sondern eine Konföderation von fünf Stämmen zwischen denen Welten liegen in Sprache und Alltagskultur. Die Kirgisen unterscheiden nicht nur zwischen nördlichen und südlichen Stämmen. Letztere teilen sich in rechten und linken Flügel. Jeder Kirgise kann sofort sagen, zu welchem seine Familie gehört. Das fördert Clanstrukturen, die neben schattenwirtschaftlichen auch parallele Machtstrukturen aufbauen. Er habe versucht, sie zu entmachten, sagte der erste Präsident Kirgistans, Askar Akajew. Er sei jedoch gescheitert, obwohl er lange im Amt war. Die Chancen von Rosa Otunbajewa und ihrer schwachen Übergangsregierung, dagegen anzugehen tendieren also gegen null.

Schauplatz der Tragödie ist das Fergana-Tal, das teils zu Kirgistan, teils zu Usbekistan und Tadschikistan gehört. Auf dem Gebiet jedes der drei Staaten leben starke Minderheiten der beiden anderen Volksgruppen. Im kirgisischen Teil bringen Usbeken und Tadschiken es zusammen sogar auf knapp die Hälfte der Gesamtbevölkerung. Bei den Verteilungskämpfen geht es um fruchtbares Land und um Wasser. Alle großen Flüsse entspringen in den Bergen Kirgistans und Tadschikistans. Beide werden im Sommer aufgestaut, wenn das Wasser in der Ebene, in Usbekistan und Kasachstan, für die Landwirtschaft gebraucht wird. Im Winter wird, weil die Bergstaaten weder Öl noch Gas haben, damit Strom erzeugt. Aber die Energieexporte sind teuer, weshalb der Kampf um Wasser und Energie oft eskaliert.

Wie reagieren die Nachbarn und Russland?

Usbekistan, fürchten russische Experten, könnte die Pogrome gegen seine Minderheit und die Schwäche der kirgisischen Übergangsregierung für einen Einmarsch nutzen. Auch deshalb plädieren sie für die Entsendung von Friedenstruppen der Organisation für kollektive Sicherheit, ein Verteidigungsbündnis der UdSSR-Nachfolgegemeinschaft GUS. Zumal im schlimmsten Fall der Zusammenbruch aller staatlichen Strukturen Kirgistans droht, was eine Kettenreaktion bei den ähnlich instabilen Nachbarn auslösen könnte. Die Gefahr, dass der Drogenschmuggel noch stärker floriert und das islamische Extremisten weiter vordringen, wächst. In denen sehen große Teile der Bevölkerung die Lösung ihrer Probleme. Am Ende könnte das bedeuten, dass Russland und Europa eingreifen müssen.

Dennoch rang sich das von Moskau dominierte GUS-Verteidigungsbündnis bisher nur zu Waffenhilfe für die Übergangsregierung durch. Russische Beobachter erklären das Zögern von Präsident Dmitri Medwedew vor allem mit Bedenken, der Konflikt könne sich ähnlich lange hinziehen wie der in Afghanistan.

Und die internationalen Organisationen?

Der zweite Grund für Medwedews Zaudern ist offenbar ein fehlendes UN-Mandat für eine Intervention. Dafür, so russische Völkerrechtler, könnten jedoch Wochen vergehen. Es ist aus deren Sicht ohnehin nicht zwingend erforderlich. Anders als bei externer Bedrohung, können Staaten bei inneren Unruhen jedes Land und jede internationale Organisation ihres Vertrauens um Friedenstruppen bitten. Denkbar wäre daher, dass die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit den GUS-Friedenstruppen ein Mandat erteilt.

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