Politik : … in der Ruhe die Kraft liegt

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Was nun die Frage angeht, welches denn die richtige Erziehung sei und was das richtige Bildungssystem, so sind die Meinungen unterschiedlich. Die „Bild“ zum Beispiel, Deutschlands permanenter Erziehungsberater, beruft sich in dieser Frage auf den alten Struwwelpeter von 1845 und darin natürlich auf den Zappelphilipp. „Und die Mutter blicket stumm auf dem ganzen Tisch herum …“ Das Ergebnis dieser antiautoritäten Zurückhaltung ist bekannt: Bei Zappelphilipps ist Schmalhans angesagt, womit dieses vorweggenommene Summerhill-Modell als Kokolores enttarnt ist.

Als Kronzeugen zieht „Bild“ Bernhard Bueb zurate, angeblich Deutschlands strengster Lehrer und vordem Direktor der Eliteschule Salem. Nun nagt, wer in Salem aufs Internat geht, gewiss nicht am Hungertuch und hatte ebenso gewiss auch schon die Etikette der feineren Gesellschaft mit der Muttermilch eingesogen. Vielleicht sind deswegen Buebs Erziehungsratschläge von etwas allgemeinerer Natur. Zum Beispiel: „Nehmen Sie sich Zeit – Kindererziehung braucht Geduld!“ Das ist von ähnlicher Erkenntnistiefe wie die an sich ja richtige Bauernregel: „Regen im Mai – April ist vorbei.“

Was den Zeitfaktor angeht, weiß sich Bueb einig mit dem Wiener Kinder- und Jugendpsychiater Max Friedrich. Auch der lobt den „Zeitluxus“ und klagt sozusagen die Zeitterroristen an, das ist die fortentwickelte Spezies der schon von Michael Ende und seiner Momo vorgestellten Zeitdiebe. Heute tarnen sie sich in Chaträumen und Computerspielen, wie Friedrich meint, und hindern die Kleinen beim Spracherwerb am Nachdenken, Fantasieren, Umformen, Verwerfen. Man glaubt das gerne, die Gewährsfrau für seine These mutet aber überraschend an. Es ist Natascha Kampusch, die nach Friedrichs Meinung deshalb so geflissen formulieren kann, weil sie ungetrübt von äußeren Einflüssen die Sprache habe aufsaugen können. Friedrich kommt zum Schluss: „Wir werden nicht umhinkönnen, darüber nachzudenken, wie Bildungssysteme in Zukunft ausschauen sollen.“ Also so: Lernhilfe Klaustrophobie. Oder so: Studierstube Verlies. Vielleicht auch so: Die kognitive Kraft der Isolation.

Bevor nun alle die pädagogische Weitsicht des Entführers Priklopil loben, sei an den Stauferkaiser Friedrich II. erinnert, der im 13. Jahrhundert mit Spracherwerb experimentierte. Dazu wies er Ammen an, Säuglinge wohl zu nähren, nicht jedoch anzusprechen oder sonstwie mit ihnen zu kommunizieren. Das Testziel, herauszufinden, was denn die ersten Worte eines Kindes von sich aus sind, wurde verfehlt. Alle Probanden verstarben vor dem Spracherwerb an Liebesentzug.uem

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