Politik : ... jede Tarnung enttarnt wird

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Der Grund, warum die Welt nicht richtig funktioniert: Immer ist irgendwo Wahlkampf. Nicht, dass wir die Axt an die Wurzel der Demokratie legen wollen – aber es scheint doch ein großes Problem darin zu liegen, dass Politik phasenweise durch grobschlächtige Politikdarstellung mit dem Ziel ersetzt wird, anschließend weiter Politik machen zu dürfen.

In Brandenburg und Sachsen ist heute Schluss mit dem Wahlkampf, gut so. In den USA aber noch nicht. Dabei könnten sie dort angesichts gewisser Probleme im Irak ein wenig Ruhe durchaus brauchen, aber sie kriegen das Gegenteil. Der bisherige Höhepunkt: MemoGate, Notizen eines Oberstleutnants, unter dem George W.Bush zu Vietnam-Zeiten schonenden Heimatdienst in der Nationalgarde schob. Sie wären peinlich für Bush, sind aber in Wirklichkeit eine plumpe Fälschung, erstellt mit einem Textverarbeitungsprogramm, das es damals nicht gab. CBS, der Sender, der den Scoop durch seinen populären Starmoderator Dan Rather verbreitete, steht nun ungefähr so dämlich da wie der „Stern“, als der seinerzeit Fritze Hitlers Tagebücher abdruckte.

Nur waren die damals sehr schnell als ein Solo von Konrad Kujau enttarnt. Der ist längst tot. Wer hat Dan Rather dann das faule Memo zugefaxt? Es sei „nur eine paranoide Fantasie“, raunt die „New York Times“ – und breitet sie anschließend in epischer Breite aus. Bushs Großberater Karl Rove hätte doch den diabolischen Verstand, eine solche Manipulation anzuzetteln, nicht wahr? Alle reden über Memo-Gate, keiner mehr über den Kandidaten Kerry und seinen verzweifelten Versuch einer Sachdebatte; Ziel erreicht.

Das war gestern. Heute ist die Zeit reif für eine weitere Drehung des Spekulationskarussells. Hätte ein Schlauberger wie Rove das Memo so offensichtlich gefälscht? Also könnte es sich genauso gut um eine clevere Idee der Kerry-Truppe handeln mit dem Ziel, Bushs wichtigsten Mann als tückischen Manipulator zu entlarven. Demnächst werden vermutlich E-Mails auftauchen, die Bush kurz vor Kennedys Tod geschickt hat…Immer so weiter, Drehung um Drehung, bis die Wahl gelaufen ist, für wen auch immer.

Gemessen an diesen Raffinessen sind deutsche Wahlkämpfe ein Biotop des Biedersinns. Schade, könnte man sagen, denn so haben sogar die Dumpfköpfe von Rechtsaußen mit ihren Brachial-Parolen Aussicht auf Erfolg. Andererseits: Wo, wenn nicht im Parlament, könnten sie ihre Unfähigkeit beweisen? Echte Politik kriegen sie nicht hin, weder im Wahlkampf noch danach. bm

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