Komorowski contra Kaczynski : Stichwahl in Polen könnte vom Wetter abhängen

Das Rennen um das Präsidentenamt in Polen bleibt bis zum Sonntag offen – nach den TV-Duellen liegen die Kandidaten weiter dicht beieinander.

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„Wer keinen Politkrieg beginnt, muss ihn auch nicht beenden“, sagt Bronislaw Komorowski – und versucht händeringend Jaroslaw Kaczynski lächerlich zu machen. Zum letzten Mal vor der Stichwahl am Sonntag debattieren die beiden Präsidentschaftskandidaten, übertragen von den drei wichtigsten polnischen Fernsehkanälen. Fast jeder vierte Stimmberechtigte hatte die laue Debatte von Sonntagabend über sich ergehen lassen, nun will Komorowski Boden gutmachen.

Er möchte an die Agentenjagd der Regierung Jaroslaw Kaczynski erinnern, an deren politische Dauerfehde im Innern und mit Polens wichtigsten Nachbarn Deutschland und Russland. Davon hat sich Jaroslaw Kaczynski nach dem Flugzeugabsturz seines Zwillingsbruders Lech im westrussischen Smolensk angeblich verabschiedet. Sein Wahlstab präsentiert ihn als Mann des Ausgleichs, Kaczynski selbst hat in den zehn Wochen seit der Flugzeugkatastrophe seine legendäre alte Aggressivität abgelegt. Seinen Traum von der Vierten Republik, einem Polizeistaat ohne Kriminalität und Korruption, will er verschoben haben. Nun aber fällt er Komorowski ins Wort, weist scharfzüngig auf Widersprüche hin, spricht von Lügengebilden – ganz so als verfolgte der Zuschauer eine Parlamentsdebatte aus der Zeit, in der beide Kaczynskis zusammen Polens höchste Staatsämter bekleideten und an der Weichsel die moralische Revolution einleiten wollten. Sie endete 2006 im Bündnis mit Rechtsradikalen und erklärten Antisemiten, in provozierten angeblichen Korruptionsskandalen und schließlich vorgezogenen Neuwahlen, die dem rechtsnationalen Spuk ein Ende setzten.

Kaczynski will von all dem heute nichts mehr wissen und die Polen haben ein kurzes Gedächtnis. Das zeigte die erste Runde der Präsidentschaftswahlen vor zwei Wochen. Jaroslaw Kaczynski rückte damals bis auf fünf Prozentpunkte an den zuvor einhellig als Favoriten gehandelten Regierungskandidaten Komorowski heran. Nur jeder fünfte Pole stimmte für einen der acht übrigen Kandidaten. Inzwischen sei man laut internen Umfragen bis auf zwei Punkte an den Regierungskandidaten herangerückt, will die konservative Tageszeitung „Rzeczpospolita“ in Kaczynskis Wahlstab erfahren haben.

Dazu kommt, dass Polens Königsmacher, der linke Präsidentschaftskandidat Grzegorz Napieralski (13,7 Prozent bei der ersten Runde) auf eine Wahlempfehlung für seine Anhänger verzichtete – und sowohl Kaczynski wie Komorowski als unwählbar bezeichnete. Zum Sieg der Nationalkonservativen fehlt demnach wenig und Kaczynski hat am Mittwoch endlich die letzten Verwandlungs-Hüllen fallen lassen und eine streitbare Präsidentschaft angekündigt, für den Fall, dass er gewinnen sollte. Der Dauerkonflikt zwischen Präsidentenpalast und Ministerrat aus der Amtszeit seines Zwillingsbruders Lech dürfte Polen damit erhalten bleiben. Mit seiner populistischen Forderung nach gleich hohen Direktzahlungen wie die Bauern im Westen hat er zudem ein Steckenpferd der EU-Gegner in seiner gescheiterten Regierung aufgenommen. Von einem EU-freundlichen Gesinnungswandel Kaczynskis kann daher keine Rede sein.

Doch auch Komorowski leistete sich in der Wahlkampagne einige Ausrutscher. Fünf Kinder habe er großgezogen, prahlte der liberale Präsidentschaftskandidat immer wieder während der letzten Fernsehdebatte vom Mittwochabend. Die plumpe Anspielung auf Kaczynskis Junggesellentum geht derweil immer weiteren liberal denkenden Kreisen auf die Nerven. Komorowskis konservative Kleinbürgerlichkeit hilft der Wahlbeteiligung genauso wenig wie die beginnende Feriensaison. Am Ende könnte das Wetter den Ausschlag geben: Vor allem Komorowskis städtische Wählerschaft wird es, wenn es schön wird, in den Urlaub ziehen. Kaczynski dagegen weiß das Dorf und die älteren Polen hinter sich, ein diszipliniertes Elektorat, das eh kein Geld für Ferienreisen hat.

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