Politik : … Lesereisen unmodern werden

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Der Ritterschlag des Autors ist die Lesereise. Sie beweist: Er ist nicht länger nur ein Name im Buchstabenrauschen. Seine Leser und -innen wollen ihn! Persönlich! Dann sitzt er mit zehn Fans in der Klosterbuchhandlung Oer-Erkenschwick, liest gelangweilt aus seinen Werken und holt sich hinterher auch noch einen Schreibkrampf, weil alle zehn eine umfangreiche persönliche Widmung vorn ins Buch haben wollen: „Für Wanda, beste Wünsche, Fritz Fisch.“

Der Sinn dieser Übung erschließt sich nur schwer. Es mag sein, dass die Enkel der Fans das signierte Buch irgendwann auf dem Speicher entdecken und eine Menge Geld damit machen, weil der Autor den angesehenen Prix Hasseröder für das wichtigste literarische Debütwerk zum Thema Bier gewonnen hat. Oder es reicht aus, dass der die Reise begleitende Verlagsmitarbeiter hinterher beim Absacker in der Hotelbar ausrechnet, noch nie habe der Verlag in Oer-Erkenschwick auch nur annähernd so viele Hardcover auf einen Schlag verkauft.

Wie auch immer: Das ist eben so. Unser Jungautor mag damit zurechtkommen – aber was ist mit den international berühmten Schreibstars, deren Autogramme in fünf Kontinenten gefragt sind, und zwar möglichst gleichzeitig? Jenen, über die es im Klappentext heißt: „Der Autor lebt mit zwei Frauen, fünf Kindern und einem Buntspecht in New York, Cap d’Antibes und Ravello“?

Klar, dass da nur noch Technik helfen kann. Margaret Atwood, eine von diesen Großen, hat sich jetzt den „LongPen“ bauen lassen, den ferngesteuerten Stift. Sie sitzt zu Hause plaudernd vor einer Videokamera, die ihr Lächeln, von keiner anstrengenden Lesereise getrübt, nach Oer-Erkenschwick oder Boulder, Colorado, sendet. Ihre Rechte ruht auf einem elektronischen Schreibfeld – wir kennen das vom Paketboten –, und was sie schreibt, wird an einen Stift im Buchladen gefunkt, der es direkt in die draußen aufgeschlagenen Bücher überträgt. „Für Wanda …“

Ein wenig unpersönlich ist das Ganze dennoch. Und woher will sie wissen, was sie da wirklich unterschreibt? Bald werden überall Buchläden mit dem Ziel gegründet, sich von Mrs. Atwood fernschriftlich ihr komplettes Vermögen übertragen zu lassen, Pornofilme auf den Namen Atwood zu bestellen oder einen Angriffsbefehl in Richtung Iran abzeichnen zu lassen: „All systems go! Margaret.“

Immerhin erscheinen nun auch Autogrammstunden denkbar mit Autoren, die unsere Buchhandlungen aus gutem Grund meiden. „Allah u akbar! Usama.“ Wäre auf internationalen Tauschbörsen mindestens so viel wert wie zehn Joschkas und ein Rumsfeld. bm

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