Politik : … niemand mehr so tut als ob

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Vor nunmehr 87 Jahren hat der kluge Soziologe Max Weber herausgefunden, dass der Beruf des Politikers dem des Dickbrettbohrers ähnlich ist. Eine langwierige, unspektakuläre Tätigkeit, weitgehend frei von Höhepunkten. Wohlgemerkt, der Befund stammt aus einer Zeit verhältnismäßig bemerkenswerter Umwälzungen. Der Kaiser war gerade abgetreten, der Krieg verloren, die Revolution tobte in Deutschland. Verglichen mit heute war da noch was los.

Heute finden die aufregendsten Dinge in Baden-Württemberg statt. Arbeitskampf im öffentlichen Dienst – der Müll wird nicht abgeholt. Wahlkampf in der Politik – die Spitzenpolitiker geben Interviews im „Hitradio“.

Weil Interviews mit Spitzenpolitikern tendenziell hitradiountauglich sind, haben die Hitradiomacher ihren Interviews einen gewissen Eventcharakter verliehen: Die Spitzenpolitiker wurden an einen Lügendetektor angeschlossen und anschließend zu Themen befragt, welche nicht unmittelbar mit ihren politischen Botschaften zu tun haben. Ute Vogt von der SPD sollte sagen, ob sie schon mal „einen Höhepunkt vorgetäuscht“ habe. Da hat sie sofort „Ja“ gesagt, und der Lügendetektor konnte keine Lüge darin erkennen.

Wir ahnen, welchen Inhalt die Moderatoren mit dem Begriff „Höhepunkt“ verbanden und befürchten, dass Ute Vogt denselben in ihrer Antwort antizipierte. Wir jedoch sind weder Ute Vogt noch ein Hitradio und wollen daher dem Phänomen des vorgetäuschten Höhepunkts im politischen Leben nachgehen. Es ist ja, so hat es uns Max Weber gelehrt, durchaus arm an echten Höhepunkten (es gibt übrigens die Theorie, nach der ein Zusammenhang zwischen Max Webers beeindruckendem wissenschaftlichen Werk und seiner wenig ausgeprägten Libido bestehen könnte, dies aber nur am Rande).

Betrachten wir unsere derzeit herrschenden Politiker, Michael Glos etwa oder Franz Josef Jung, Wolfgang Tiefensee und nicht zuletzt Angela Merkel. Die sind eigentlich gar keine Höhepunktvortäuscher. Oder sie täuschen extrem bescheiden vor. Dagegen die alte Bundesregierung! Fischers Stirn! Schilys Fotomodelleinsatz mit Polizeiknüppel und -helm! Trittins Dosenpfand! Und zum Schluss, als Höhepunkt der Höhepunktvortäuschung: Kanzler Schröders Bekenntnis zum Wahlgewinn! Da ist er sogar selbst drauf reingefallen.

Inzwischen leben wir in einer Zeit des ehrlich stillen Dickbrettbohrens. – Aber irgendwie will man doch auch betrogen werden. Wegen der Unterhaltung und des Spaßes. Und wir Journalisten könnten das dann alles aufdecken! dae

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