Politik : ...psssst!

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Das ist jetzt wieder diese Zeit. Laue Lüfte verdrängen das Heizungsklima, wir öffnen die Fenster, um den Vögeln beim Zwitschern zu lauschen und dem jungen Grün beim Sprießen zuzusehen – und das war’s dann auch mit Frühling. Denn längst haben die Stärkeren die Macht übernommen, jene, die Haus und Garten nur als Vorwand nehmen, um ihre Nachbarn mit dem Lärm motorgetriebener Haus und Gartengeräte ins innere Exil zu treiben. Fenster zu!

Alle wissen es, keiner macht was dagegen. Außer uns hier. Sollte es gerade 14 Uhr 15 sein, dann halten Sie doch bitte, exakt jetzt! 15 Sekunden Ruhe.

Vielen Dank. Das war ein kleiner, aber doch wohl nicht ganz vergeblicher Beitrag zum heutigen „Tag gegen Lärm“, der in diesen Ruhesekunden kulminiert. Die Deutsche Gesellschaft für Akustik hat ihn verhängt, bundesweit zum zehnten Mal.

Ob es hilft? Keine Ahnung. In den letzten Jahrzehnten hat sich der Charakter des Lärms eindeutig verändert. Die traditionellen Quellen – Autos, Flugzeuge, Fabriken – arbeiten viel leiser als früher, dafür haben sie sich enorm vermehrt (bis auf die Fabriken). Auf der anderen Seite hat vor allem die Heimwerker-Industrie neue Lärmquellen ohne Zahl ersonnen, die, weil sie nun einmal da sind, unerbittlich auf Einsatz dringen. Alljährlich im Frühling kommt der Tag, da die Säge sägen will, und den Elektrohobeln, Bandschleifern, Vertikutiergeräten, Aufsitzmähern, Akkubohrschraubern und Oberfräsen geht es nicht anders. Der Einsatz dieser Geräte ist zur Bürgerpflicht geworden, und wer nicht selbst anpacken mag, beschäftigt doch wenigstens ukrainische Hilfstruppen, die ebenfalls sehr effektiv lärmen können. Reinhard Mey hat vor einigen Jahren seinen Sylter Nachbarn das böse Wort „Gartennazis!“ entgegengeschleudert, doch es war längst zu spät.

Hatten wir gerade festgestellt, Autos seien immer leiser geworden? Das stimmt, allerdings nur theoretisch. Denn das Uffta-uffta aus Lautsprechern in Regentonnengröße kommt viel schöner zur Geltung, wenn die Fenster geöffnet sind. Das wiederum provoziert die Motorradfahrer, die aus dem Winterschlaf erwacht sind und sich mit einem Burn-out revanchieren. Schranz!

Im Grunde ist Zeitunglesen heute eine der letzten Möglichkeiten, Vergnügen mit Ruhe zu verbinden. Sie dürfen deshalb gern auch um 14 Uhr 15 weiterlesen. Aber bitte nicht umblättern! Das Rascheln ist einfach zu laut in diesen Sekunden der Ruhe. bm

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