Politik : … uns der Zweifel verfolgt

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Lex Barker konnte es. SchuhcrèmePierre (Brice) konnte es sogar noch besser. Und selbst die Bösen bei Karl May hatten ihre Technik. Nur wir konnten es nie. Womit Winnetou und Old Shatterhand die Rücken der edelsten Pferde eroberten, das blieb uns versagt. Stattdessen: blutige Nasen, lila Beulen, verknackste Handgelenke. Was hätten wir als Kinder dafür gegeben, uns so anpirschen zu können wie sie – auf Finger- und Zehenspitzen balancierend, der Bauch ein Waschbrett, die Augen zwei Schlitze, auf dass kein Funkeln, kein Triumph uns verriete. Im Rausch der Lautlosigkeit durchs feindliche Unterholz. Kein Reisig hätte geraschelt, keinem Halm wäre auch nur sein Hälmchen geknickt worden.

Halm aber heißt auf Englisch „stalk“, und das so genannte Stalking ist ja gerade mächtig in aller Munde, sprich: das Anpirschen respektive Angepirschtwerden. Dass auch hier die Sitten roher geworden sind, merkt man daran, dass der moderne Stalker in Sachen Finger- und Zehenspitzengefühl Null Ehrgeiz besitzt. Ganz im Gegenteil: Er (oder sie) will nichts anderes als fies sein, Lärm machen, nerven, stören, endlich entdeckt und erhört werden. So gesehen stünden derzeit Gerhard Mayer-Vorfelder (noiiiii!!), Christoph Schlingensief, Honigkuchenpferd Peter Hahne, die Rechtschreibreform, Spider-Man 2 und, gähn, das Wetter dringend unter öffentlichem Stalking-Verdacht. Es sei wichtig, raten Scherzkekse im Internet, dem Stalker unmissverständlich klarzumachen, dass man keinerlei Kontakt zu ihm wünsche. Am besten, man schließe drei Monate vor Einsetzen des ersten Stalkings eine spezielle Rechtschutzversicherung ab.

Dieses verabsäumt habend, wächst die Angst. Haben Sie sich schon einmal gefragt, woran es liegt, dass fundamentale, die Gesellschaft im Innersten aufschäumende Phänomene seit jeher wie Supertanker an Ihnen vorüberziehen? Unendlich groß und unendlich fern? Haben Sie versucht zu ergründen, warum immer nur die anderen gemobbt, methusalemisiert, gengefüttert oder gestalkt werden? Und, Hand aufs Herz, ist es nicht jetzt prompt wieder so: Es fällt Ihnen niemand ein, den Sie heranschleichenswert fänden, und Sie wurden persönlich auch noch nie beschlichen?

Vielleicht sind wir ja einfach zu arglos für diese Welt. Vielleicht werden wir seit Jahrzehnten beschlichen, bepirscht, belechzt, mit Halmen aller Arten beworfen und bekränzt – und merken es nicht? Wir sollten wieder mehr Karl May lesen in Deutschland. Und an das Gute glauben. Le.

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