Politik : ...uns die Macht offenbar wird

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Rechnen wir mal kurz durch. 520000 Tickethefte für je zwei Bahnfahrten, das Stück für 49,90 Euro – insgesamt macht das 26 Millionen Euro, die da gestern zwischen acht und neun Uhr, manchmal auch noch ein paar Minuten später, in die Lidl–Kassen gespült wurden. So ist das eben in Deutschland: Das Geld liegt auf den Konten, doch es mag sich dort nicht einfach beiläufig wieder lösen wie überall sonst in der Welt. Es wartet vielmehr auf einen besonderen Anlass, möchte gekitzelt und umworben und gelockt werden. Dann erst hagelt es über der darbenden Volkswirtschaft nieder wie ein Platzregen, und die Leute stellen sich wie auf Befehl in die längsten Schlangen, um mittun zu dürfen, egal wann, egal wo.

Kürzlich Karl Lagerfelds BilligKlamotten bei H&M, jetzt die Bahnfahrkarten – steckt dahinter ein Muster? Es kann nicht um elementare Grundbedürfnisse gehen. Denn dass die Deutschen unter einem lebensbedrohenden Mangel an Designerkleidung litten, hat noch nicht einmal irgendeine Gewerkschaft behauptet, und dass sie nur noch dann der quälenden Enge ihrer Mietskasernen entfliehen können, wenn Lidl ihnen bei den Reisekosten unter die Arme greift, sagt auch der Mieterbund nicht. Es geht eher darum, irgendwas zu kaufen, was man vielleicht mal brauchen kann, und es dort zu kaufen, wo es sonst nicht zu haben ist. Bahnfahrkarten bei der Bahn beschaffen – das kann jeder, dafür stellt der smarte Shopper seinen Wecker nicht auf zehn nach Sechs. Er möchte dabei sein, wenn es etwas BILLIGER gibt, getreu dem ersten Gebot einer Volksbewegung, die langsam in Richtung Religion driftet: Du sollst nicht zum regulären Preis einkaufen.

Diese Bewegung hat sich auch schon eine Priesterkaste geschaffen, die Powerseller, eine Art Jedi-Ritter der Lidl-Galaxie. Die Macht, die stets mit ihnen ist, trägt den Namen Ebay, nur sie sind in der Lage, beliebige Artikel in den Weiten des Internets verschwinden zu lassen, bevor diese sich in der realen Welt überhaupt materialisieren konnten. So war es bei Lagerfelds Fummeln, und jetzt standen Massen von Lidl-Bahntickets schon zur Auktion, bevor es sie überhaupt leibhaftig gab; vermutlich hat sich auch ein großer Teil der Schlangesteher aus den Reihen der Powerseller rekrutiert. Sie benötigen kein Laserschwert, nur einen einfachen Computer, um das zweite Gebot ihrer Religion buchstabengetreu zu erfüllen: Du sollst den billig beschafften Kram teuer versteigern.

Wie kann das funktionieren? Wir wissen es nicht. Darth Schröder, der dunkle Kanzler, leider auch nicht. Hoffentlich stellt er sich rechtzeitig in die Schlange, wenn bald ganz Deutschland bei Lidl günstig zu haben sein sollte. bm

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