Politik : ...Werte wichtig werden (III)

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Aufmerksame Zeitgenossen haben dieser Tage den CDUAbgeordneten Pofalla (Wie heißt der eigentlich mit Vornamen?) in Düsseldorf beim Lachen beobachtet. Eigentlich hätte er zuhören sollen. Dass er gelacht hat, weil er zugehört hat, ist unwahrscheinlich. Vorne, am Rednerpult stand nämlich seine Chefin – Angela Merkel. Die sprach gerade über Sterbehilfe. Lachen ist da peinlich. Nicht für Pofalla, den kennt ja kein Mensch. Aber für Merkel. Die wird dafür bezahlt, dass man ihr zuhört.

Ein wenig wäre das so, horribile dictu, als ob Sie, lieber Tagesspiegel-Leser, jetzt, ja jetzt, an was anderes dächten, etwa, was Sie wohl Ihrer Frau zu Weihnachten schenken könnten, und ob es mal wieder ein Schlafanzug täte…

Zurück zu Pofalla, zu Merkel, zum Rest von Deutschland, zum Reden an sich. Es wird in diesem Land viel geredet. Reden im Sinne von darüber reden, also: Lass uns mal darüber reden oder: Gut, dass wir darüber geredet haben – das alles ist ein Grundwert. Wenn gerade nicht geredet wird, dann wird, nein, nicht gejammert oder nach Schnäppchen gejagt (diesen Grundwert nehmen wir uns erst morgen vor) – dann wird eine Debatte gefordert: Sollten wir uns mehr für den kaukasischen Krisenbogen interessieren, sicherheitspolitisch gesehen? Ist der Vermittlungsausschuss falsch besetzt? Sprechen Sie heute in der S-Bahn mal Ihren Sitznachbarn auf diese Themen an, dann werden Sie schon merken, ob es ein Deutscher ist oder nicht. Jede Wette, der hat zwar keine Ahnung davon, freut sich aber riesig, dass Sie mit ihm darüber geredet haben.

Jetzt zur Leitkultur, zu unseren ostanatolischen Freunden, unseren Mitbürgern aus Ghana, Georgien, Guinea-Bissau, die im Grunde ihrer Seele doch auch alle gerne Deutsche wären. Herrgottnochmal, was ist denn eigentlich so schwer daran, wenn einen jemand in der Disco oder am Kiosk auf den Vermittlungsausschuss anspricht? Da sagt man: Natürlich müsse auf den Grundsatz der Spiegelbildlichkeit geachtet werden, also, das sei ja wohl eine Selbstverständlichkeit, und dann leitet man elegant auf den kaukasischen Krisenbogen über, nur so zum Beispiel. In Bayern, wo Günther Beckstein zu Hause ist, geht es noch leichter: Man fällt einfach seinem Gegenüber ins Wort und sagt: Jetzt red’ i. Das macht Eindruck. Danach kann man getrost zum Teetrinken wieder in die Parallelgesellschaft abtauchen.

Was ist aus Pofalla geworden? Wahrscheinlich längst bei der Merkel einbestellt. Wir stellen uns vor, wie die Merkel ihn fragt, warum er gelacht habe. Der Merz, sagt der Pofalla, habe ihn ausgerechnet in diesem Moment an das Sprichwort: „Reden ist Silber...“ erinnert.Vbn

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