Politik : ...wir beim Obstkaufen Partei ergreifen

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Wir machen uns ja kaum eine Vorstellung davon, wie genau unsere Politiker aufpassen müssen, was sie tun. Nehmen wir den Kanzler: Es könnte zum Beispiel passieren, dass ihm in den nächsten Tagen jemand öffentlich eine Apfelsine anbietet. Wie muss er reagieren, wenn er keine schwerwiegenden persönlichen Verwicklungen riskieren will? „Herzlichen Dank, Vitamine kann man immer brauchen in diesen nasskalten Tagen!“ – das wäre ein großer Fehler. Die richtige Antwort lautet: „Verzeihung, ich bin gegen Orangen, ich sag mal, allergisch und darf mich ihnen nicht einmal ein Stück weit nähern.“

Das Bild der Orange in der Öffentlichkeit hat sich gewandelt seit der Wahl in der Ukraine vor einigen Tagen. Aus der politisch völlig unverdächtigen Südfrucht ist das Symbol der ukrainischen Opposition geworden. Die Grünen im Bundestag haben sie gestern demonstrativ in die Kameras gehalten, Angela Merkel hat sich eine geben lassen. Doch wenn Gerhard Schröder ebenfalls unbedacht zugegriffen hätte, wäre er in ernste Schwierigkeiten mit seinem Duz und Männerfreund Wladimir Putin geraten. Denn der hat ja dem offenbar illegitimen Wahlsieger Janukowitsch schon hoch erfreut gratuliert. Wer heute eine Apfelsine kauft, bezieht Stellung, ob er will oder nicht.

Orange: Ein Farbton zwischen Gelb und Rot, der eigentlich nur für Sonne, Urlaub und Optimismus steht und bislang politisch überhaupt nichts bedeutet hat. Orange ist die Farbe von Schachtjor Donezk, dem Fußballverein aus Janukowitschs Heimatstadt. Doch dessen Mitstreiter teilen unverdrossen mit, Orange, na ja, das sei auch nur ein getöntes Braun, und dieser Umstand beweise den faschistischen Hintergrund der Opposition. Ähnlich schlagend ließe sich argumentieren, Orange sei gefärbtes Rot und stehe deshalb ganz klar für Stalinismus. Das ist das Schöne an der politischen Farbenlehre: Irgendwie passt immer alles, und auch wieder nicht. Denn die Grünen hätten nie die Parlamente erobert, wenn sie beispielsweise als Blaue aufgetreten wären, und die Grauen schaffen es deshalb nie: Grau, sagt der Wähler, da wird mir so melancholisch ums Hirn, das ist doch auch nur helles Schwarz, nicht wahr?

Über die ukrainische Opposition hingegen wird man sagen dürfen, dass sie die richtige Farbe gewählt hat, schon, weil die zugrunde liegende Frucht in ihrer Mischung aus Dynamik, Weltoffenheit und Süße für die Demokratie schlechthin stehen mag. Gelb, ja, das wäre auch gegangen. Aber die Grünen mit Bananen im Bundestag – das hätte dann doch etwas seltsam ausgesehen. bm

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