Politik : … wir büßen und beten

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Manchmal, vornehmlich in Fußgängerzonen und auf belebten Plätzen, sieht man so alte Männer, wie sie ein Pappschild hochhalten, auf dem in krakeliger Schrift steht: „Tuet Buße!“ Und dann hastet man vorbei und denkt sich allenfalls: „Hast ja recht, Alterchen, wäre mal nicht schlecht, Buße zu tun, aber hab’ gerade keine Zeit.“ Und überhaupt, warum soll ein Einzelner büßen, wenn der dafür eigens vorgesehene Tag längst abgeschafft wurde von der Gemeinschaft?

Heute wäre dieser Tag mal wieder gewesen, der Buß- und Bettag, elf Tage vor dem ersten Adventssonntag. Aber dann war da 1994 die Sache mit der Pflegeversicherung und die Frage nach ihrer Finanzierung, und dann haben wir diesen ehemals evangelischen, dann gesetzlichen Feiertag einfach gestrichen. Na ja, wenn man ehrlich ist und sich erinnert, haben die Menschen an diesem arbeitsfreien Tag eh nicht gebüßt und gebetet, sondern lange ausgeschlafen, Oma besucht und sich im grauen Novemberherbst einen lauen Lenz gemacht.

Andererseits, möglicherweise besteht ja ein innerer Zusammenhang zwischen der Unlust zur Bußfertigkeit und all dem Elend in der Welt. Terrorgefahr am Frankfurter Flughafen, Foltermord im Siegburger Knast, Amoklauf in der Provinz, Nazihorden allüberall – mit Buße wär’ das nicht passiert. Und weiter, als die Leute von Ninive vor dem Untergang standen, (und so steht es bei Jona, 3,4-10, der Stelle auf die der Buß- und Bettag sich einst berief), da ließen sie ein Fasten ausrufen und zogen alle den Sack zur Buße an. Und dann traten sie vor ihren König, und der legte sein Purpur ab und hüllte sich ebenfalls in einen Sack und setzte sich in die Asche.

Auch nicht dumm, wenn die da oben auch mal in Jute wandeln und ins Grübeln kommen. Stimmenkauf-Affäre in Hessen, Ackermanns Gier bei Mannesmann, der VW-Betriebsrat, Heuschrecken, schwarze Kassen beim Siemens-Konzern – doch, doch auch in diesen Fällen und in noch vielen mehr wäre vorherige Buße nicht die schlechteste Schutzmaßnahme gewesen.

Die Menschen von Ninive hatten indes Glück. Die ganze Aktion war von ihnen ins Leben gerufen worden, weil Gott ihnen den Untergang binnen 40 Tagen prophezeit hatte. „Als aber Gott ihr Tun sah, wie sie sich bekehrten von ihrem bösen Wege, reute ihn das Übel, das er ihnen angekündigt hatte, und tat’s nicht.“

Der seinerzeit bei der Abschaffung des Buß- und Bettages erwünschte Effekt, die Finanzierung der Pflegeversicherung trat übrigens nicht ein. Alterchen mit deinem Schild, du hast wohl recht.uem

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