Politik : ... wir China um Verzeihung bitten

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Ting Zhi! Das heißt „Achtung“. Die chinesische Botschaft warnt alle Chinesen vor Deutschland, genauer gesagt vor dem deutschen Bildungssystem. Ein Privatgymnasium in Neuruppin hat nämlich etliche Schüler aus China nach Brandenburg gelockt. Die chinesischen Eltern zahlten 12 000 Euro Schulgeld und sagten auf Chinesisch: „Super“. Bei „private Lehranstalt“ denkt man in China an Eton und Oxford, an Stanford und Hogwarts. In Brandenburg war es völlig anders. Das Privatgymnasium besaß nur einen einzigen, altersschwachen Computer und nicht einmal Bücher. Jetzt riefen die Chinesen: „Betrug! Da sind unsere eigenen Schulen besser!“ Sie sind stinkwütend zurück nach China geflogen. Leider ist die Sache kein Einzelfall. Botschaftsrätin Liu Jinghui sagte dem „Spiegel“: „Private Bildungseinrichtungen in Deutschland sind noch nicht reif.“ Mit der Privatisierung, aber auch mit dem Schulwesen sei man in Ostdeutschland noch längst nicht so weit wie beispielsweise in der Volksrepublik China.

Früher herrschte in Deutschland bei vielen Bürgern die Auffassung: Ausländer kommen nach Deutschland, um hier zu betrügen. Viele Ausländer sind kriminell. Der Deutsche ist tendenziell unkriminell. Das war natürlich sowieso Quatsch. Aber – könnte es womöglich sein, dass es genau umgekehrt ist? Und dann stimmt es sogar? Wann werden auf dem Ku’damm die ersten bayrischen Hütchenspieler auftauchen, die gutgläubige albanische Touristen abzocken? So dachten wir. Es kam dann aber noch viel, viel schlimmer.

Der österreichische Finanzminister, ein 35jähriger Grünschnabel namens Grasser, fordert, Deutschland das Stimmrecht in der Europäischen Union zu entziehen. Wir seien finanziell so unsolide, so verschuldet und insgesamt so hallodrihaft, dass man uns nicht mehr an politischen Entscheidungen mitwirken lassen darf. Man muss uns entmündigen. Und das sagt ausgerechnet ein Österreicher! Aus SchluriSchlaffi-Schnuffiland! Es ist so weit gekommen, dass sogar Österreicher uns vorwerfen, unsolide zu sein. Wann werden die Koreaner anfangen, damit Reklame zu machen, dass ihre Autos nicht so schnell durchrosten wie deutsche Autos? Wann werden Brauereien aus Malta kommen und sagen: „Unser Bier ist reiner als das deutsche“?

Die Antwort heißt: bald. Wo soll das enden? Heute ist ein Tag, an dem wir nachdenklich sind. Gestern war der Tag, an dem Udo Jürgens, ein Österreicher, in Berlin sein neues Album vorgestellt hat. Der Titel lautet: „Es lebe das Laster.“ Mit diesem Slogan sollten wir in China um Touristen werben. mrt

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