Politik : … wir für die Ewigkeit schreiben

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Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, – na gut, das ist jetzt geklaut, so ehrlich wollen wir hier schon sein – fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt.

Bitte, es ist bei unsereinem ja beileibe nicht so, dass der erste Satz immer gleich gelänge. Dabei ist er doch so wichtig! Er zieht den Leser rein, nimmt ihn mit, trägt ihn weg, bis er, also in diesem Fall der Leser, dann ganz am Ende sagt: Supertext! Manchmal Jahre später noch.

Aus gegebenem Anlass wollten wir heute auf Nummer sicher gehen. Deshalb der Rückgriff auf Samsa. Kafka hatte das damals drauf, spielend. Zauberte, und das selbst an Tagen, an denen er nicht bester Laune war, Sätze aufs Papier, die verzauberten; Sätze, die „nachhaltig“ waren, wie Gerhard Schröder das nennen würde, obwohl der, also Schröder, immer nur Rilke zitiert, und von dem auch immer nur die Sache mit dem Haus, das man sich nun wahrscheinlich lange Zeit nicht mehr baue. Oder so ähnlich. Wir haben das noch nicht gegoogelt. (For our readers from England: We didn’t google that!)

Yes. Und jetzt? Jetzt haben wir zwar den ersten Satz. Aber einen vernünftigen Anfang haben wir immer noch nicht. Es geht hier nämlich um nichts weniger als um die Frage, wie man Texte für die Ewigkeit schreibt.

In Großbritannien war das gestern ganz einfach. Dort war gestern der Tag, an dem jeder Brite aufgerufen war, seinen Alltag im Internet zu dokumentieren. Die British Library will dies zum größten sogenannten Weblog aller Zeiten zusammenstellen – auf dass die Nachwelt einen möglichst breit angelegten Begriff davon bekommt, wie der Alltag so war, an jenem 17. Oktober 2006, im Vereinigten Königreich. „In 20 Jahren gibt es dann sicher einiges zu lachen“, meint die Projektkoordinatorin Marie Moller, „manche Sachen mögen seltsam erscheinen.“ Geschichte ist nun mal so, gerade von unten, wobei, was den Seltsamkeitsfaktor angeht, sicher nur wenige an Samsa vorbeikommen werden.

Wir leider auch nicht. „Als wir heute Morgen aus unruhigen Träumen erwachten, fand sich in unserem Bett ein ungeheures Ungeziefer. Danach sind wir schnell ins Bad gegangen.“ Nein, das kommt an Kafka nicht ran, beim besten Willen nicht, auch nicht in 20 Jahren.

Schade. Bedauerlicherweise gilt das nämlich auch für den Rest: „Wir haben dann noch einen Tee getrunken und einen Toast gegessen und sind mit dem Bus in die Redaktion gefahren. Beim Schreiben hatten wir weniger Schwierigkeiten als sonst mit dem ersten Satz – nur mit dem Schluss hat es diesmal nicht ganz so gut geklappt.“ Vbn

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