Politik : ...wir Gelb sehen

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Ja, Leute, das Leben ist bunt. Himmelblau! Magenta! Mostrichmetallic! Doch das Leben ist auch voller Analphabeten, die sich nur nach der Farbe richten und eine Pleite nach der anderen erleben. Sie gehen durch den Laden und werfen sich die lila Verpackungen in den Wagen, weil da immer lecker Süßkram drin ist. Zu Hause reißen sie die Packung auf, beißen in den Inhalt – und werden bitter enttäuscht. Mama! Du Doofe! Da ist ja überhaupt nicht das mit der Kuh drin!

So können wir uns jedenfalls vorstellen, warum die Milka–Leute sorgsam darauf bedacht sind, ihre schöne lila Farbe ganz für sich zu behalten. Sie haben Millionen in die Werbung gesteckt, haben jede irgendwo greifbare Kuh umgespritzt, und sie reagieren nun natürlich erbost, wenn irgendein hergelaufener Keksbäcker lila Tüten in die Regale stellt. Der BGH hat das jetzt verboten: Lila ist Milka, und Milka ist lila. Hallo! Frauenbewegung! Eure Farbe! Na, von der ist schon lange kein Widerstand mehr zu erwarten.

Nun wäre das Leben ja durchaus auch lebenswert ohne einen bestimmten Farbton – doch es scheint System dahinter zu stecken. Gerade beugen sich Richter in Hamburg und Frankfurt über die dicken „Gelben Seiten“der Telekom. Es geht ihnen aber nicht um Aalräuchereien und noch weniger um Zylinderstifte; sie müssen vielmehr entscheiden, ob eine Firma namens „GoYellow“ im Internet auf gelben Seiten einen ähnlichen Service anbieten darf.

Gelb – das war mal die Farbe der Telekom, die längst auf das rotviolette Magenta umgeschwenkt ist, allerdings ohne ihre Branchenbuch-Tochter mitzuschwenken. GoYellow hat inzwischen ein wenig Orange in ihre Internet-Optik gemischt, um Abstand zu gewinnen – fraglich, ob die Richter dieses Manöver akzeptieren.

Langsam wird es gefährlich. Jürgen Klinsmann will seine bislang meist streng schwarz-weißen Kicker in rotweiße Trikots stecken – da könnten die Österreicher zum Beispiel glatt vor Gericht ziehen und behaupten: Schluss damit, wenn ein Fußballer sich rot macht, dann muss er Ösi sein.

Es läuft im Grunde auf eine Art Bundesfarbverwaltung hinaus. Gelbe Streifen in der Zahnpasta? Roter Karton fürs Parteibuch? Bitte stellen Sie einen Antrag auf Farbzuteilung in fünffacher Ausfertigung. Für uns Zeitungsmenschen wäre besonders wichtig, dass Schwarz und Weiß von der ExklusivVergabe ausgenommen bleiben. Unsere Texte wären sonst wahrscheinlich nur noch äußerst schwer zu lesen. bm

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