Politik : ...wir im Kreis mauern

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Heute vor 55 Jahren wurde die DDR gegründet. Die Deutsche Demokratische Republik, oder wie manche sagen, der Arbeiter und Maurerstaat. Weiß noch jemand, dass dieser Tag mal Nationalfeiertag war? Also nicht überall, nur eben in dieser DDR. Ist wahrscheinlich vergessen. Gerade noch pünktlich wurde gestern am Checkpoint Charlie die Mauer wieder hochgezogen.

„Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.“ Möglicherweise erinnern sich ein paar Ältere noch an Ulbrichts programmatische Sätze. Mal abgesehen davon, dass der Ausspruch schon historisch nicht ganz haltbar war, muss man heute sagen: doch! Eberhard Diepgen heißt der Mann, der den Mauerbau ausgesprochen befürwortet. Früher war er einmal Regierender Bürgermeister von Berlin. Jetzt hat er der „Bild“ ein überzeugtes Pro ins Blatt geschrieben, damit Alexandra Hildebrandt die Mauer wieder aufbaut. Frau Hildebrandt ist Chefin des Mauermuseums in Berlin. 120 Mauerteile hat sie sich kommen lassen, alle 3,60 Meter hoch und 1,20 Meter breit. Macht zusammen 144 Meter Mauer, oder, wie Frau Hildebrandt sagt: 200 Meter. Möglicherweise hatte sie zur Multiplikation nur einen alten sozialistischen Rechenschieber zur Hand. Aber ob 144 Meter oder 200 Meter Mauer ist auch schon egal. Nützen wird es ohnehin nichts.

Um wieder Gründungstag feiern zu können mit Rotkäppchen, müsste die Mauer viel länger sein. Den 16 Millionen Gesamtdeutschen, die eine Mauer zurückhaben wollen, kann nicht geholfen werden. Und als Mahnmal und Warnung, nie wieder eine Mauer auf deutschen Boden zu errichten, hilft sie auch nicht. Die Umfrage einer Münchner Forschungsgruppe hat ergeben, dass den meisten Deutschen der Wall gerade mal schnurzegal ist. Nur drei Prozent der Westdeutschen und zehn Prozent der Ostdeutschen bewerten den Mauerbau als bedeutsames Ereignis.

Heute vor 55 Jahren stand die DDR auf aus Ruinen und wandte sich der Zukunft zu. Im geschichtlichen Ganzen war diese Zukunft lächerlich kurz. Ansonsten gewaltig und rückblickend nicht sonderlich ertragreich. Vielleicht sollten Frau Hildebrandt und Herr Diepgen die Mauer als großen Kreis bauen. So groß, dass dahinter 16 Millionen Platz haben. Dort können sie dann alle hocken, die Wand anstarren und sich erinnern, wie es damals neben der Gemütlichkeit und der Vollbeschäftigung auch noch war im Arbeiter- und Maurerstaat. Dann müssten sie die Mauer eigentlich schnell wieder einreißen und endlich das Glas heben, weil der 7. Oktober kein Nationalfeiertag mehr ist.uem

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