Politik : … wir immer noch nach drüben gehen können

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Soziologen der Universität von Chicago haben herausgefunden, dass es mit dem Nationalstolz der Deutschen nicht eben zum Besten steht. Wer jetzt voreilige, sich aus deprimierenden Florentiner März- Nächten ableitende Schlüsse zieht nach dem Motto „Logisch, mit dieser Innenverteidigung will ich auch kein Deutscher mehr sein“, dem sei gesagt: Die Erkenntnisse wurden bereits in den Jahren 2003 und 2004 geschürft. Nun gut.

Wie misst man eigentlich Patriotismus? Johannes Rau, beispielsweise, der verstorbene Bundespräsident, hatte für dieses Phänomen immerhin die schöne Definition parat: „Ein Patriot ist jemand, der sein Vaterland liebt. Ein Nationalist ist einer, der die Vaterländer der anderen verachtet“; erhebungstechnisch hilft das allerdings auch nicht viel weiter. Die Chicago Boys haben ihre ahnungslosen Probanden deshalb mit der äußerst feinsinnigen Behauptung konfrontiert: „Ich würde lieber Bürger Deutschlands als irgendeines anderen Landes auf der Welt sein.“ In Venezuela hieß das natürlich: „Ich würde lieber Bürger Venezuelas als irgendeines anderen Landes auf der Welt sein“ – und die Venezolaner haben dann auch gleich wie verrückt, wahrscheinlich wegen des Öls, bei der Antwortvorgabe „Ja“ ihr Kreuzchen gemacht, sogar noch eifriger als die Amis, und das will was heißen. Auch Australien schneidet gut ab – und die Sozialforscher erklären die respektablen Plätze zwei und drei damit, dass sich insbesondere terroristische Anschläge in diesen Ländern identitätsstiftend ausgewirkt hätten. Das mag sein. Vielleicht hängt ja die miese Platzierung der Deutschen damit sogar irgendwie zusammen. Dunkel erinnert man sich noch an Politikersprüche hier zu Lande, nach dem Motto: „Heute sind wir alle Amerikaner.“ Patriotismustechnisch gesehen ist man mit so einer Aussage praktisch ein Totalausfall. Österreich ist übrigens auf Rang vier, aber das war noch weit vor der zusammenschweißenden Dopingrazzia von Sestriere. Bei den Ösis ist also durchaus noch Luft nach oben.

Die Deutschen aber erscheinen mal wieder als hoffnungsloser Fall, und wahrscheinlich sind, wie üblich, die Sozis daran schuld. Schon ’69 hat Willy Brandt schließlich gesagt, man wolle ein Volk guter Nachbarn sein.

Wie weit das im Einzelfall führen kann, sieht man am Fall des Skispringers Alexander Herr, der nun lieber seinem eigenen Volk ein guter Nachbar werden will, nämlich Pole. In Venezuela wäre so etwas undenkbar, und wenn, dann sagen sie dort unten: „Geh doch nach drüben, wenn’s dir hier nicht passt!“ Vbn

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