Politik : ...wir in Europa wieder allein sind

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Während Sie dieses lesen, packen die Bushs wohl gerade Koffer aus, daheim in Washington. Allzu viel hat man als Normalo nicht mitbekommen vom BushBesuch in Europa. Die eine Hälfte des Programms war geheim. Die andere Hälfte erinnerte an Eiskunstlauf, wo die Läufer sogar bei den schwierigsten Figuren der Show immer noch lächeln, wenngleich angestrengt. Beim Eiskunstlauf, vor allem im Pflichtprogramm, kommt es außerdem auf jede kleine Abweichung an.

Einige bisher unbekannte oder wenig gewürdigte Details: Beim gemeinsamen Festessen in Mainz waren genau 109 Gäste geladen. Von allen Gegendemonstranten kam die „Rhythmusgruppe Bischofsheim“ George W. Bush am nächsten, bis in Sichtweite des Mainzer Schlosses. Bush und Schröder berührten sich 17 Mal, meist am Arm, gelegentlich an der Taille. Schröder sagte drei Mal, Deutschland und die USA seien „gleichberechtigt“, Bush null Mal. An der Pro-Bush-Demo am Mainzer Südbahnhof nahmen statt der angekündigten 200 nur etwa zehn Demonstranten teil, ausschließlich Männer. Bushs Gespräch mit Angela Merkel dauerte 15 Minuten und 20 Sekunden.

Vom Bush-Besuch bleiben auch geografische Erkenntnisse. Bush hat gesagt: „Deutschland, dieses großartige Land, ist das Herz Europas.“ Die Kollegen der „taz“ haben daran erinnert, dass der Präsident unmittelbar vor Deutschland das Land Belgien aufgesucht hatte, den Blinddarm Europas. Von Mainz aus fuhr er in die Slowakei, mitten hinein in die Bauchspeicheldrüse, um dort den Chef von Russland zu treffen, der schwer arbeitenden Leber Europas. Höflichkeitshalber hat er nur das Herz namentlich begrüßt. Zweitens hat Bush gesagt: „Iran ist nicht Irak.“ Auf dem Flughafen fragte er einen rundlichen, griesgrämig schauenden Herrn: „Hello, what’s your name?“ Der Herr sagte: „My name is Fischer.“ Bush gab folgende Antwort: „My name is Bush. Mister Bush.“

Das alles ist wortwörtlich überliefert! Bush sagt ausdrücklich: Ich bin „Herr“ Bush. Fischer dagegen sagte nur, ich bin Fischer. Bush ist nicht Fischer.

Bushs Gespräch mit dem FDP-Politiker Rainer Brüderle dauerte 14,3 Sekunden. Auch dieser Wortlaut ist vollständig überliefert. Brüderle: „My name is Brüderle. Ich bin schon beim Besuch ihres Vaters dabei gewesen.“ Bush: „Das freut mich.“ Jetzt kennt er sogar Brüderle. Aber Brüderle ist nicht Merkel.

Es war ein großes Fest der Wahrheit und der Erkenntnis. Jetzt sind wir wieder unter uns und denken darüber nach. Herr Bush hat Europa mit seinen Erinnerungen wieder allein gelassen. mrt

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