Politik : ... wir Jesus besser kennen lernen

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Es kann nicht ausbleiben, dass in diesen Tagen viel von Jesus Christus die Rede ist, fast so viel wie von Harald Schmidt, der schon wusste, weshalb er einen Tag früher auf Sendung geht. Zudem hat Jesus mit dem Nachteil zu kämpfen, dass er als Person relativ schwer fassbar ist nach gut 2000 Jahren. Keine Autogrammkarte, keine Webcam rückt ihn uns näher, seine Internetpräsenz ist von verwirrender Vielfalt. Das mit Abstand konkreteste Porträt stammt vom ziemlich windigen Turiner Grabtuch; es zeigt schattenhaft einen mageren, rauschebärtigen Mann, der sich im Berlin des Jahres 2004 als Straßenzeitungsverkäufer durchschlagen müsste.

Das ist immerhin ein Ausgangspunkt, jedenfalls für Experten der römischen Kripo, die ein Computerprogramm auf den Kopf gestellt haben. Es ist dazu gedacht, Jugendfotos gesuchter Personen altern zu lassen – die Polizisten haben es rückwärts gedreht und den GrabtuchJesus in die Pubertät geschickt. Am zweiten Weihnachtstag wird das Phantombild des 12-jährigen Heilands im italienischen Fernsehen enthüllt.

Das ist ein wenig riskant. „Dieser Rüpel“, werden wir möglicherweise sagen, „der sieht aus wie einer, der den Mädchen in der Klasse in den Hintern kneift und brutale Experimente mit Fröschen veranstaltet“. Damit wäre er als Religionsstifter und Fundament der abendländischen Leitkultur kaum noch zu gebrauchen. Der sichere Weg hätte darin bestanden, ihn gleich ins Krippenalter zu verjüngen, denn Babys sehen ja automatisch lieb, mithin irgendwie christlich aus – aber das kann der Computer wohl noch nicht.

Ohnehin sind das alles nur Vorstufen zur endgültigen Rekonstruktion, die darin bestehen wird, aus etwas Grabtuch-DNS eine exakte Kopie zu klonen, die dann unter kontrollierten Bedingungen aufwachsen, Tempelhändler vertreiben und Wunder vollbringen müsste. Auch nicht unriskant, denn wenn der neue Jesus stattdessen der Polygamie huldigt und sich mit seltenen Kräutern berauscht, könnte das, leitkulturell gesehen, ebenfalls allerhand durcheinander bringen.

Versuchen wir doch erst einmal, den italienischen Computer für seine eigentliche Aufgabe zu nutzen: Wie würde der Grabtuch-Christus, sagen wir, 20 Jahre später aussehen? In Würde gealtert? Ja, das Haar viel länger, völlig ergraut, an der Stirn gelichtet, dazu ein weißer Bart, sehr schön. Könnten wir dem Mann mal eine Brille... Ja. Genau so hat Harald Schmidt ausgesehen, als er am Mittwoch von der Weltreise zurückkehrte. Wir müssen jetzt wohl jeden Tag mit einer neuen Bergpredigt rechnen.bm

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