Politik : ...wir lernen, mit zwei Kanzlern zu leben

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Die Deutschen hatten ein Dreikaiserjahr, ein Dreikanzlerjahr gab es noch nicht. Ob drei Kanzler innerhalb eines Jahres überhaupt gut wären für den Bestand der freiheitlichsten Demokratie auf deutschem Boden, bleibt also offen; zur Übung werden wir aber von heute an mal das Doppelkanzlermodell ausprobieren. Gerhard Schröder und Andreas Weyer machen den Job nämlich jetzt zusammen, der eine wie immer, der andere im Fernsehen. „Wie jetzt?“ werden Sie vermutlich einwenden, „Schröder ist doch auch ständig in der Glotze“. Schon. Doch Andreas Weyer, in der ZDFSerie „Kanzleramt“ dargestellt von Klaus J. Behrendt, ist ein kleines Stück fiktiver. Noch.

Aber wie sehr? Der Philosoph Klaus Theweleit behauptet, der gesamte Politikbetrieb sei nur noch eine Simulation. Die Politiker hätten darin einzig die Aufgabe, nach draußen den unzutreffenden Eindruck zu erwecken, unter ihrer Leitung würden die Dinge machtvoll vorangetrieben. Das macht Schröder insgesamt nicht so schlecht, doch Behrendt, immerhin gelernter Schauspieler, müsste ihm nach menschlichem Ermessen beim Simulieren weit überlegen sein. Zumal er als Tatort-Kommissar gelernt hat, eine Sache in 90 Minuten zu Ende zu bringen und nicht erst nach der nächsten Landtagswahl. Und als Teilhaber der insolventen Berliner Bar „Zucca“ ist er gewohnt, mit roten Zahlen umzugehen, ohne die Nerven zu verlieren.

Die ersten Serienfolgen können nur der Anfang sein. Sobald sich Kanzler Weyer und seine Leute eingeübt haben, wird es Zeit für eine der gegenwärtig so beliebten Tauschsendungen. Gerhard Schröder würde dann gastweise ein paar Tage den Fernsehkanzler geben, Weyer-Behrendt im Gegenzug das echte Bundeskabinett leiten und ein paar seiner Ideen verwirklichen: beispielsweise Asylantenheime in Hamburg-Eppendorf und München-Grünwald einrichten und die deutschen Sportschützen zwingen, ihre Waffen im Vereinshaus einzuschließen.

Dann folgt ein gemeinsamer Auftritt bei Kerner oder Beckmann über die Qual des Regierens. Wer von den beiden ist denn eigentlich Kanzler? Robert Atzorn, der als Kanzleramtschef im Fernsehen begonnen hat, wird zusammen mit Franz Müntefering gesehen, Doris Schröder-Köpf, die es wissen müsste, beginnt ebenfalls zu zweifeln. Dann kommt die Wahl, Angela Merkel sucht einen Gegner, aber da sitzt schon Klaus J. Behrendt und teilt ihr mit, ein Machtwechsel stehe nicht im Drehbuch. Dann schnallt er sich sein Pistolenhalfter um und fliegt zum EU-Gipfel. bm

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