Politik : … wir Mütter ehren

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Es ist gerade die hohe Zeit des Lippenlesens. Lippenlesen ist in aller Munde. Es scheint aber der Intepretationsspielraum beim Lippenlesen extrem hoch zu sein. Die einen lesen dies, die anderen das, es ist auch wirklich schwierig. Ein paar Beispiele: Sagt einer „achtzig“, wie soll man das unterscheiden von „hat sich“? Harmlos dies noch, aber was ist mit „saufen“? Fordert der eine zum fröhlichen Gelage auf, schon semmelt ihm der Lippenleser dermaßen eine rein, weil er „raufen“ gelesen hat. Schwierig auch „Mutter“, die von der „Butter“ praktisch nicht zu unterscheiden ist, zumindest im Lippenbild nicht. Wie man sieht, kommt es beim Lippenlesen sehr stark auf das Zwischen-den-Lippen-Lesen an.

„Mutter“ – „Butter“, also. Man darf nun nicht annehmen, der Italiener Materazzi habe sich mit Zinedine Zidane lediglich über die Beilagen zum Früh- stückscroissant austauschen wollen. „Mutter“ und „Butter“ sind nur beim deutschen Lippenlesen zu verwechseln, „mamma“ und „burro“ lassen indes keine Ablesemissverständnisse zu. Außerdem kommt in figlio d’una putana terrorista gar keine Mamma vor. Das, so die eine Lippenleserschule, habe Materazzi nämlich tatsächlich gesagt, und das ist nun wirklich nicht nett.

Mütterbeleidigen aber ist schwer in Mode. In Neukölln zum Beispiel, und auch anderswo werden nahezu tagtäglich Mütter beleidigt. Zum Teil sogar von kleinen Jungs, die körperlich noch gar nicht in der Lage sind, das zu tun, was sie beim Mütterbeleidigen ankündigen. Zum Teil aber auch von ausgewachsenen Redakteuren. Da gibt es ja im benachbarten Polen die Zwillingsbrüder Lech und Jaroslaw Kaczynski. Die sind so eineiig, man weiß bei denen nicht mal, wen man vor sich hat, den Präsidenten oder den Regierungschef. Der eine, Lech, der Präsident, zieht gerne mal über Homosexuelle her und gegen sie zu Felde. Der andere, Jaroslaw, der Regierungschef, lebt, wie die „taz“ schreibt, mit der eigenen Mutter zusammen, „aber wenigstens ohne Trauschein“.

Es ist ein bisschen wie beim Lippenlesen, der Satz bietet irgendeinen Interpretationsspielraum, keine Ahnung, welchen. Die Polen fassen ihn auf jeden Fall als Mütterbeleidigung allererster Güte auf. Er sei ein Verbrechen, sagte Jaroslaw. Es gab ein erstes diplomatisches Raunen, wahrscheinlich, weil es für Mütter in Polen unerträglich ist, mit homophoben Regierungschefs unter einem Dach zu leben. Möglicherweise ist in Bälde ein polnischer Kopfstoß zu erwarten. uem

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