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Politik : … wir Pferde studieren

15.11.2006 00:00 UhrVon -

Über das Pferd hat der großartige Dichter Robert Gernhardt folgende schöne Verse geschmiedet (nicht wahr, geschmiedet ist gut in diesem Zusammenhang): „Schöner wäre diese Erde – ohne Pferde / soll euch doch der Teufel holen / all ihr Stuten und ihr Fohlen / von der Schnauze bis zum Schwanz / Pferde, ich veracht’ euch ganz.“ Das ist möglicherweise heutzutage eine Minderheitenmeinung, wiewohl sich mit dem Pferd in der Tat allerlei Negatives verbindet. Wer will schon unter ferner liefen gehandelt werden, wer einen Pferdekuss bekommen? Oder schlimmer noch: Müssen sich nicht alle Hartz-IV-Empfänger irgendwie abgeworfen vorkommen, aus dem Sattel geschleudert, allenfalls auf den Gnadenhof hoffend, aber wohl nicht mehr an die Zügel gelangen? Eben.

Und doch. Der Dichter hat unrecht. Das Pferd trägt auch Hoffnung. Dazu ein paar Zahlen: Zwischen 1950 und 1970 sank der Pferdebestand in Deutschland von stolzen 2,5 Millionen Rössern auf 400 000 jämmerliche Mähren. Der Grund ist nicht in der pferdefeindlichen Haltung der 68er zu suchen, der Grund war die schnöde Mechanisierung der Landwirtschaft. Wer braucht noch ein Pferd, wenn er einen Fendt hat oder einen John Deer, oder einen anderen Traktor?

Nun zur Hoffnung: Inzwischen gibt es wieder 1,1 Millionen Pferde in Deutschland. Und der Bedarf wächst. Der Grund ist nicht in der etwaigen Reparaturanfälligkeit des Traktors zu suchen, der Grund ist, wie ein Professor Erich Bruns herausgefunden hat, das steigende Einkommen von immer mehr Menschen, durch das der Reitsport erschwinglich wurde. Das ist es doch, was wir alle anstreben: steigendes Einkommen und dann hoch zu Ross durch den Wohlstand traben. Offensichtlich haben wir es geschafft, allen Unkereien über die Härte der Zeit zum Trotz.

Es ist nämlich so, und dies auch der Grund, warum wir das alles erzählen, wohlan, Reitersmann und Reitersfrau, es ist so, dass dieser Tage die altehrwürdige Universität zu Göttingen den viersemestrigen Masterstudiengang Pferdewissenschaft eingerichtet hat. Mag sein, dass sich die Göttinger damit auch für zukünftige Elitegelder positionieren wollen. Mehr aber noch geht es darum, das Fachpersonal einer boomenden Branche mit mehr als fünf Milliarden Umsatz auszubilden.

Und nun die entscheidende Frage: Kann es einem Land, in dem Arbeitspferde nicht mehr gebraucht werden, aber herdenweise Freizeit- und Sportpferde, kann es einem solchen Land schlecht gehen? Und der Dichter? Uns zum Leid, ihm zum Trost, hat er die Rehabilitierung des Pferdes nicht mehr erleben müssen. Er starb im Juni.uem

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