Politik : ...wir Phrasen tauschen

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Im Senegal kann man dieser Tage bei einem privaten Radiosender einen Sack Reis abholen. Vorausgesetzt, man bringt einen gleich schweren Sack voller Heuschrecken mit. Heuschrecken plagen den Senegal. Uns plagen ja mehr private Radiosender. Aber wenn wir die in den Sack stecken, gibt uns bestimmt niemand etwas dafür. Im Senegal könnte man natürlich die Heuschrecken auch gleich essen. Sie sollen sehr proteinhaltig sein. Jeden Tag Heuschrecken sind aber nicht jedermanns Sache. Dann doch lieber sammeln. Bis man von diesen Fliegengewichten allerdings ein ordentliches Risotto zusammen hat, muss man ganz schön ackern.

Wie man sie auch wendet, die Sache mit dem Reis bleibt ein lausiges Geschäft. Aber das ist nun mal so mit dem Tauschhandel. Früher als Kinder sammelte man einen Sack voll Kastanien oder Eicheln, schleppte ihn zu einem Wildgehege und bekam dafür einen Groschen oder ein Beutelchen Gummibärchen. Was für ein mieser Deal. Oder noch früher, so Anfang des 15. Jahrhunderts, da regelte die englischisländische Marktordnung, dass man 1000 Stockfische zu geben hatte für eine Tonne Wein. 1000 Stockfische, gute Güte, wahrscheinlich kam der englisch-isländische Weinbau deshalb nie richtig ins Rollen.

Schließlich der Hans, der von den Gebrüdern Grimm. Der Hans war der Pionier aller Tauschhändler. Erst hatte er einen Klumpen Gold, den er gegen ein Pferd tauschte, das gegen eine Kuh, die gegen ein Schwein, das gegen eine Gans, die gegen einen Wetzstein, der plumpste in einen Brunnen. Zugegeben, Hans wähnte sich anschließend im Glück, der Tölpel, war aber doch gleich mehrfach übers Ohr gehauen worden. Zurück zu den Plagen der Menschheit. Wenn man jetzt Dieter Bohlen, Verona Feldbusch, Linda de Mol und den Rechtschreibereformstreit einsammelte und in einen Sack steckte, dann löst das vielleicht mancherorts viel Freude aus, aber den Sack abnehmen würde uns keiner. Die Geschichte des Tauschhandels also bleibt dubios. Bis heute.

Wir kriegen Hartz IV – im Gegenzug hat manch einer ein Ei geboten. Aber etwas gewonnen hat der Bieter dadurch auch nicht. Gestern sind auf den Montagsdemos zahlreiche Politikerworte eingesammelt worden. Man bekommt von diesen Worten eine Unmenge von Säcken gefüllt. Da eine Phrase, dort ein Statement, hier eine Erklärung, da drüben ein Versprechen – ruck zuck sind ganze LKW-Ladungen praller Säcke gefunden. Nur, was haben wir heute dafür bekommen? Oskar Lafontaine. Will man das? Dann doch lieber Heuschrecken. uem

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