Politik : … wir Steine sammeln

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Heute wäre eigentlich der richtige Tag gewesen, um Schluss zu machen. Der 24. Oktober. Einmal noch auf die Bühne, Verbeugung, Verstärker aus, Ende, that’s it, aus, As tears go by. Und dann klingelt am Nachmittag das Telefon und ein kleiner Männerchor singt „Happy Birthday“. So war es schon einmal, und da war unser Mann in seinem Haus in Los Angeles, und als er nach Hause kam und seinen Anrufbeantworter abhörte, erklang dieser kleine Männerchor. Das wünscht man sich doch auch: Man hat Geburtstag und Mick, Keith, Charlie und Ron bringen einem ein Ständchen. Und nun wird Bill Wyman 70 Jahre alt, heute, am 24. Oktober, wie gesagt, ein guter Tag für den Abgang wäre das gewesen. Aber Bill, der Bassist, hat den schon 1992 vollzogen, damit ist er der erste Vorruheständler der Rolling Stones. Time is on his side.

Die Jungs touren noch, aber ab und an, wenn sie alle in ihren Häusern in Südfrankreich sind, gehen sie schon mal rüber zu Bill. Was für ein Bild: Das hat etwas von Frühschoppen am Stammtisch, immer sonntags um zwölf, seit, oh my god, 20, 25 Jahren. Oder noch schöner, weil es im Süden spielt: Da sitzen Mick und Charlie und Bill und Keith und Ron auf Steinbänken, schauen in den Sonnenuntergang, schweigen miteinander, weil sie nach all den Jahren keine Rede mehr brauchen zum Gedankenaustausch, trinken einen Roten. Seit einiger Zeit legen sie schon mal Kissen auf die Steinbank, man verkühlt sich ja schnell im Süden. Am Abend Coq au vin, Little red rooster, mal kocht Bill, mal Keith, Mick und Keith haben die Pilze geputzt und die Zwiebeln geschnitten. Charlie den Wein dekantiert. Schön. Und dann sagt Bill doch etwas, „kommt, Jungs, gucken wir uns die Sammlung an“. Von wegen Don’t look back, Bill hat alles gesammelt, vom ersten Tag der Stones an, über 50 Jahre lang. Noch heute schicken ihm die anderen Sammelmaterial, Poster, Anstecknadeln. Bill ist sozusagen der Chronist der Steine.

70 Jahre. Um die Rolling Stones zu verlassen, hatte Keith damals gesagt, als Bill Schluss machte, um die Stones zu verlassen, müsse man entweder sterben, wie Brian Jones, oder rausgeworfen werden, wie Mick Taylor. Bill Wyman war trotzdem gegangen, er hatte Flugangst, er litt auf Schiffen, in Fahrstühlen, er hatte die Nase voll, vielleicht wie Niki Lauda, der irgendwann nicht mehr im Kreis fahren wollte. Jahrein, jahraus, immer die gleichen Akkorde. Aber kein Stone mehr? „A rolling stone gathers no moss“, sang Namensgeber Muddy Waters einst, ein rollender Stein setzt kein Moos an. Honest man.uem

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