Politik : … wir unter unsere Füße sehen

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Wo lange Läufe enden – in der Regel nämlich bei sich selbst – das wissen wir ja spätestens seit den Zeiten von Forrest Gump und Joschka Fischer. Ersterem kam beim monotonen Traben durch Amerikas schier endlose Weiten die Erkenntnis „Shit happens“, beim anderen reichten zur selbstreflektorischen Durchforstung der eigenen Gedankenwelt im Wesentlichen die Rheinauen. Fischers Fazit fiel dann übrigens recht ähnlich aus, freilich nicht ganz so wortkarg.

In Leipzig ist am Mittwoch der Extremsportler Robby Clemens zu einem Weltrekordlauf rund um die Welt gestartet und man darf jetzt schon gespannt sein, was er wohl zu sagen hat, wenn er am 27.Oktober tatsächlich wie geplant nach dann 23 000 zurückgelegten Kilometern wieder in der Heimat ist. Ausgepumpt, wie er dann sein wird, wahrscheinlich etwas in der Art wie: Ja gut, es war nicht immer leicht. Oder auch: Oh Mann, tun mir die Füße weh!

Beides glauben wir unbesehen, und zwar schon heute, am Tag, an dem es Clemens bereits bis Chemnitz gepackt hat. 80 Kilometer hat sich unser Mann für die nächsten fast zehn Monate aufgebrummt – pro Tag! Das sind täglich sozusagen zwei Marathons, die er in 29 Ländern auf drei Kontinenten runterreißen muss, 8000 Kalorien, 15 Liter Wasser, wie gesagt: jeden Tag; und dass ihn in Amerika die Rockstars Bruce Springsteen und Bon Jovi ein Stück des Weges begleiten wollen, ist da nur ein schwacher Trost.

Gibts etwas, was wir ihm nachrufen könnten, ihm, dem ehedem von Herz- Rhythmusstörungen geplagten übergewichtigen Ex-Raucher Clemens, außer albernen Ratschlägen, wie in unbeobachteten Momenten doch mal den Bus zu nehmen oder einem ölig-jovialem: Mensch, Clemens, das kennen wir alle, drei Wochen ohne Alkohol und Süßigkeiten tun’s doch zur Not auch!?

Nun, bitte, wir wollen uns nicht unnötig lächerlich machen. Extremsportler wie Robby Clemens, die schon mal die 493 Kilometer von Hohenmölsen (Sachsen-Anhalt) nach Ludwigshafen (Rheinland-Pfalz) respektive die 500 Kilometer von Basra (Irak) nach Bagdad (auch Irak) gelaufen sind, bewegen sich in dieser Hinsicht in anderen Sphären. Wenngleich ihr Tun immer auch etwas tunnelhaftes hat, ein Schuss Mystik fehlt nicht.

Wäre womöglich die alte Weisheit „Sieh unter deine Füße!“ gut, die bisweilen in den Eingängen von Zen-Tempeln liegt? Oh ja, das wäre sie! Und wenn sich dann, zwischen all den Blasen und Schwielen, die Erkenntnis findet, dass es nur gut sein kann, sich auf das Naheliegende zu konzentrieren, dann hat sich der Lauf schon gelohnt. 23 000 Kilometer sind dafür nicht zu viel. Vbn

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