Politik : ...wir zu viel wissen wollen

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Höchste Zeit für ein kleines Experiment: Im nächsten Absatz werden Sie die Mannschaftsaufstellung Chiles aus dem gänzlich unspektakulären Vorrundenspiel der 74er FußballWM gegen die DDR finden. Das Spiel war todlangweilig. Es endete damals 1:1, im Berliner Olympiastadion übrigens, vor 27300 meist gähnenden Zuschauern. Der Test hat nicht das Geringste mit Allgemeinbildung zu tun. Niemand wird Ihnen übel nehmen, wenn Sie keinen einzigen der folgenden Namen je gehört haben. Prägen Sie sich auch bloß niemanden ein, das wäre wirklich Blödsinn! Am besten wäre es sogar, Sie übersprängen den folgenden Absatz. Bitte sehr, nur zu!

Nun zur Mannschaftsaufstellung Chiles: Vallejos, Garcia, Quintano-Cruz, Figueroa, Arias, Valdez (46. Yavar), Paez, Reynoso, Ahumada, Veliz, Socias (65. Farias).

Schön. Das hat ja mal wieder nicht geklappt. Wahrscheinlich gehen Ihnen nun Paez, Reynoso, Ahumada den ganzen Tag im Kopf herum und belegen dort auf hinterhältigste Weise irgendwelche Speicherplätze im Hirn. Oder die Frage quält, wie denn der Knispel schnell wieder hieß, der in der 65. für, na, na, wer war das verdammt noch mal, eingewechselt wurde.

Ja. Das war schon der Test. Glenn Wilson – den Namen merken Sie sich jetzt bitte für einen Moment – vom Institute of Psychiatry an der Universität London hat die informierte Welt die steile These zu verdanken, dass sie an ihrer eigenen „Infomanie“ verblödet. Zehn Prozent vom Intellekt gehen hops, allein durch das ständige Bestreben „always on“ zu sein; überflüssige E-Mails, dämliche SMS, saudämliches Internetsurfen, Informationen, die niemand braucht – das kostet alles nicht nur eine Irrsinnszeit, es zerbröselt auch nachhaltig den Verstand. Nur zum Vergleich: Exzessives Kiffen macht auch blöd, drückt im Schnitt den IQ aber nur um vier Prozent. Leider, muss man sagen, hat Wilson in seiner Studie verabsäumt herauszufinden, ob sich die Werte vor dem Computer addieren, wenn die Testperson beim Lesen der E-Mails einen Joint durchgezogen hat (minus 14 Prozent) oder ganz im Gegenteil ein semitherapeutischer Nebeneffekt (minus sechs Prozent) auftritt, weil beim Probanden eine gewisse Gelassenheit gegenüber dem „always on“ festzustellen ist.

Egal. Es folgt nun ohnehin nur noch das Schiedsrichtergespann aus der damaligen Partie. Lesen Sie nicht weiter! Hören Sie hier auf, bitte, es ist in Ihrem eigenen Interesse.

Die Schiedsrichter: Aurelio Angonese (Italien); Scheurer (Schweiz), Davidson (Schottland). Vbn

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