Politik : ... wir zum Glück nein sagen

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Deutsch ist als Sprache schon schön. Der deutsche Sprachrat sucht nun, zusammen mit dem GoetheInstitut, das allerschönste deutsche Wort. Er tut dies pausenlos, auch heute. Einsendeschluss: 1. August. 12 000 Mitbürger haben sich bisher beteiligt, die meisten Nennungen entfallen auf das Wort „Liebe“. Knapp dahinter: „Heimat“, Platz drei: „Glück“. Außerdem in der Spitzengruppe: „Kinderlachen“, „Streicheleinheit“ und „Feierabend“.

Wie diese Ballung an Lieb-, Nett- und Warmwörtern beweist, leben in Deutschland vornehmlich Kleintierstreichler und Torschussverweigerer. Dass im „Fußball“ dem deutschen „Sturm“ der „Biss“ fehlt, versteht sich in Anbetracht dieser Liste beinahe von selbst. Nur die Älteren kennen überhaupt noch das kraftvoll-klare Wort „Krawumm“ oder seine zu Recht gefürchtete Schwester, das „Fracksausen“.

Wir sind lieb, zu lieb vielleicht, aber das wusste man schon. Bedenklicher ist: Wir Deutschen begreifen offenbar gar nicht mehr, worum es in der heutigen Wettbewerbsgesellschaft überhaupt geht. Bei dem Wettbewerb wird ein schönes Wort gesucht, nicht eine schöne Sache! „Nichtstun“, „Schnackseln“, „Freibier“ – dies alles ist zweifellos angenehmer als Fracksausen, aber sind es schöne Wörter? „Liebe“ hört sich fast ein bisschen langweilig an, es ist diese spezifische „ie“-Langeweile wie in „Liederkranz“. „Glück“ dagegen klingt exakt wie das Geräusch, das einer beim Aufstoßen macht, der zu viel Sprudelwasser getrunken hat.

Der große Loriot hat vor Jahren die vokalgesättigt dahinschmatzende „Auslegeware“ zu seinem Lieblingswort erklärt. Harry Rowohlt, Deutschlands bester Übersetzer, hat sich zu dem, mit leicht zitronig schmeckendem Umlaut beginnenden, in einem wagnerianischen „R“-Gedonner endenden „Münzfernsprecher“ bekannt. Bert Brecht hätte wohl das schnippische „Hoppla“ der Seeräuber-Jenny aus der Dreigroschenoper genommen.

Anfangs spritzig, im Abgang wunderbar weich kommt das „Hutzelweib“. Sämig der Klang von „Bratensoße“. Die schönsten deutschen Wörter aber gebiert seit jeher das Spiel Scrabble, klanglich spricht nichts gegen die Lorioterfindung „Quallenknödel“ oder den „Gnomenkot“. Ja – wir möchten gemocht werden, daheim und draußen in der Welt. Wir gehen dabei manchmal ein bisschen zu aufdringlich vor. Bedenkt, liebe Mitbürger: Ein Volk, das „Gnomenkot“ zu seinem Lieblingswort erklärt, wäre so rätselhaft und damit so begehrenswert wie das Lächeln der Mona Lisa.mrt

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