Politik : ...zwölf Störe Deutsche werden

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Wie würde sich Jürgen Trittin vor einem Parlamentarischen Ausschuss zu Versäumnissen bei der Einleitung der Wiedereinbürgerungsmaßnahmen des Ostseestörs verhalten? Würde er sich vor seine Behörde, vor das Bundesamt für Naturschutz sowie vor die Landesumweltministerien stellen und rufen: „Es wurde nicht nach irgend einer Richtlinie gehandelt, sondern nach einer Richtlinie in meinem Verantwortungsbereich. Nennen Sie sie TrittinRichtlinie! Ich übernehme die volle Verantwortung und weise darauf hin, dass die Arbeit der Gesellschaft zur Rettung des Störs e.V. schon von der Regierung Kohl wohlwollend begleitet wurde!“

Die Gesellschaft zur Rettung des Störs e.V. (GRS) spricht von „Wiedereinbürgerungsmaßnahmen“, wenn sie freudig mitteilt, dass heute um 13 Uhr 30 auf dem Flughafen Frankfurt zwölf Zuchtstöre aus Kanada eintreffen, jeder gut zwei Meter lang. Sie werden in ein Quarantänebassin in Mecklenburg- Vorpommern verbracht, wo sie sich ganz auf die Fortpflanzung konzentrieren werden. Einige hunderttausend Jungstöre sollen sie jährlich erarbeiten – die GRS spricht von „Besatzmaterial“, das in deutsche Gewässer eingebracht werden soll, um eine neue deutsche Störpopulation zu begründen.

Kanadische Störe gelten als gutwillig, friedfertig und mit dem ausgestorbenen Ostseestör genetisch eng verwandt; Pauschalverurteilungen verbieten sich. Man darf auch davon ausgehen, dass die Zuchttiere, die heute eingebürgert werden, gründlich befragt und untersucht wurden, dass sie mit den besten Absichten nach Deutschland kommen. Wer aber will für die Absichten des Nachwuchses bürgen? Ein paar Hunderttausend! Vielleicht sollte man im Stör-Fall nicht von „schwarzen Schafen“ sprechen, aber wer wollte ausschließen, dass unter den Hunderttausenden etliche sein werden, die sich danebenbenehmen. Schwarzlaicher, Grenzverletzer, Hochseerowdys.

Den Kaviar von zwölf kanadischen Stören kann jeder Fischkoch fachgerecht verarbeiten, jedes Einzelei aber einwanderungsspezifisch zu beurteilen, dürfte unsere Umweltämter überfordern. Selbst eindeutigste Richtlinien, von Trittin persönlich erarbeitet oder nicht, dürften kaum weiterhelfen.

Der Untersuchungsausschuss wird sich also der grundsätzlichen Frage widmen müssen, ob Umweltschützer Tiere einbürgern dürfen, die jährlich Nachkommen im mehrstelligen Bereich erzeugen. Wie gesagt: Niemand darf dem kanadischen Stör von vorn herein Einbürgerungsmissbrauch unterstellen. Aber (Ratzinger hin, Benedikt her) vielleicht sollte man mit den zwölf Zuchtstören noch heute über Strategien zur Geburtenregulierung diskutieren. dae

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