10.000 tote Flüchtlinge im Mittelmeer : Nur Aufregung hilft gegen Zynismus

Seit 2014 sind 10.000 Zufluchtsuchende im Mittelmeer ertrunken – vor einiger Zeit hätte es deshalb noch Aufregung gegeben. Warum bleibt sie jetzt aus? Ein Kommentar.

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Menschen, die vor der libyschen Küste Ende Mai 2016 von einem Schiff der Organisation "Ärzte ohne Grenzen" aufgegriffen wurden.
Menschen, die vor der libyschen Küste Ende Mai 2016 von einem Schiff der Organisation "Ärzte ohne Grenzen" aufgegriffen wurden.Foto: AFP

Es ist ja schon einige Male über den Zynismus geredet und geschrieben worden, der in der Flüchtlingsfrage herrscht. Von wegen humanitärer Ansatz! Wie inzwischen doch wohl jeder mitbekommen hat, sind die Grenzen nach Europa, nicht zuletzt nach Deutschland, dicht.

Und auch die Bundeskanzlerin, anfänglich viel gelobt für ihre Geste, die Zufluchtsuchenden nicht abzuweisen, hat sich gefügt: Von ihr kommt kein Widerspruch mehr gegen dieses kaskadenhafte Schießen der Balkanroute, im Gegenteil, das kam ihr sogar entgegen, weil der Druck aus dem eigenen Land zu groß wurde. So weit, so – traurig? Realistisch?

Oder auch nur zynisch. Denn Tatsache ist: Nichts ist gut in Syrien und Umgebung. Die Menschen dort werden immer noch bombardiert, entrechtet, geschändet, gefoltert, getötet. Hunderttausende, und Millionen sind auf der Flucht. Was logischerweise bedeutet, dass die Fluchtbewegung Richtung Europa nicht beendet ist, nicht beendet sein kann. Wenn die Balkanroute geschlossen ist, wie kommen die Menschen dann? Richtig, übers Meer.

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Flüchtling erzählt von Schiffsbruch auf dem Mittelmeer
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Algerien, Marokko und Tunesien sind keine sicheren Herkunftsstaaten

Daraus wiederum erwachsen Bilder, die keiner sehen will: Fahruntüchtige Schiffe, Faltboote, auf denen die Unglücklichen das Mittelmeer zu überqueren versuchen. Und es werden immer mehr werden, das ist doch klar. Einmal, weil der Sommer sie hoffen lässt, dass die See ruhig bleibt; zum Zweiten, weil ihnen nichts anderes mehr bleibt. Zumal vermeintliche sichere Herkunftsstaaten in der Region – Algerien, Marokko, Tunesien – ja nun auch keine sind. Selbst wenn die Bundesregierung der Bundesbevölkerung das gerade einreden will.

10.000 Menschen sind seit 2014 im Mittelmeer ertrunken – das muss man sich nur einen Moment lang vorstellen! Gäbe es die heldenhafte italienische Marine nicht, die schon bald 10.0000 aus dem Wasser gefischt hat, wäre es noch schlimmer; Rupert Neudeck, unlängst gestorben, wollte sie deshalb schon für den Friedensnobelpreis vorschlagen.

Darum führen wir uns, im Andenken an Neudeck, noch einmal allein die Bilder der Kinder vor Augen. Vor gar nicht allzu langer Zeit gab es darüber noch große Aufregung. Es wird Zeit, das wieder einmal zu tun: sich aufzuregen. Das hilft gegen Zynismus.

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Dramatische Rettungsaktion im Mittelmeer vor Libyen
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