100 Tage im Amt : Wie Joachim Gauck zum Präsidenten der Herzen wurde

Er will das ESM-Gesetz nicht unterschreiben, hat die Deutschen „glückssüchtig“ genannt und die Energiewende kritisiert: Joachim Gauck hat in seinen ersten 100 Tagen als Bundespräsident gemacht, was erwartet wurde - er hat überrascht. Das Volk liebt die Tränen in den Augen seines Präsidenten.

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Bundespräsident Joachim Gauck
Bundespräsident Joachim GauckFoto: dapd

Es ist Montagmittag, und der Bundespräsident wird im Garten des Schloss Bellevue gleich eine Rede halten. Vor der Bühne ein paar hundert junge Leute aus ganz Deutschland, die für Schülerzeitungen schreiben oder sich sonst irgendwie engagieren. Joachim Gauck mag solche Veranstaltungen. „Demokratielehrer“ nennt er sich selbst, und was liegt da näher, als junge Leute in seinen Garten einzuladen.

Gauck strahlt, als er die Stufen zur Bühne mit drei lässigen Sprüngen nimmt, er breitet seine Papiere aus und richtet das Mikrofon. Es ist jetzt zwölf Uhr Mittag, die Sonne brennt erbarmungslos und Gauck überlegt einen Moment. Darf er? Oder lieber nicht? Gauck zögert. Aber dann tut er es doch, zieht das graue Sakko aus, befreit sich mit beiden Händen von seiner roten Krawatte, als raube ihm dieses Kleidungsstück schon lange den Atem, und schließlich knöpft er auch noch den Hemdkragen auf. Es steht ihm ins Gesicht geschrieben: Das ist besser.

Man kann diesem Mann dabei zusehen, dass Freiheit für ihn mehr als nur ein Wort ist. Unten im Publikum finden sie das wunderbar. Wann hat man das schon? Einen Präsidenten mit so viel Sinn fürs Bürgernahe?

Die Grenze der Freiheit misst 25 Quadratzentimeter und ziert tags darauf die Titelseite der „Bild“-Zeitung. Die druckt ein Foto, aufgenommen an jenem selben fröhlichen Tag im Schlossgarten. Zu sehen ist Gauck, wie er in seinem offenen Hemd auf einer Bank sitzt, zwischen den jungen Leuten und eng an ein junges Mädchen gedrängt, das er füttert mit einem Obstspieß. In der lockeren Atmosphäre des Nachmittags war nichts Anstößiges an dieser Szene. Da saß der Herr Gauck und reichte seiner jungen Banknachbarin einen Spieß mit Erdbeeren, Ananas und einer Weintraube, von dem sie abbiss.

Bildergalerie: Gaucks Wahl zum Bundespräsidenten

Wahltag in der Bundesversammlung
Deutschland hat ein neues Staatsoberhaupt: Mit 991 von 1228 gültigen Stimmen ist Joachim Gauck am Sonntag zum Bundespräsidenten gewählt worden. Er folgt auf den zurückgetretenen Christian Wulff.Weitere Bilder anzeigen
1 von 33Foto: dpa
18.03.2012 17:38Deutschland hat ein neues Staatsoberhaupt: Mit 991 von 1228 gültigen Stimmen ist Joachim Gauck am Sonntag zum Bundespräsidenten...

Zum Problem wird das Foto. Man kann das Ungezwungene nicht fotografieren. Es verliert sich in den Projektionen, mit denen das Amt des Bundespräsidenten behaftet ist. Plötzlich ist da nicht mehr der Augenblick zu sehen, sondern dass der oberste Repräsentant Deutschlands ein junges Mädchen mit einem Obstspieß füttert. Eine Grenzüberschreitung, ein Übergriff. Gaucks Berater haben ihn vor der öffentlichen Wirkung solcher Fotos gewarnt. Doch im Alltag vergisst er das. So ist er, lässt sich mitreißen von der Situation, folgt seinen Instinkten. Und dann passiert so etwas wie mit dem Foto, und plötzlich wird sichtbar, dass sich da eine Mauer um Joachim Gauck geschlossen hat am Nachmittag des 18. März 2012.

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