100 Tage nach den Übergriffen von Köln : Ist es Angst? Wirklich Angst?

Nach Köln herrscht ein anderes Klima: Berechtigte Sorgen und irrationale Stimmungsmache lassen sich kaum noch voneinander trennen. Ein Kommentar.

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Zahlreiche Menschen sind am 31.12.2015 in Köln (Nordrhein-Westfalen) auf dem Vorplatz des Hauptbahnhofs zu sehen.
Zahlreiche Menschen sind am 31.12.2015 in Köln (Nordrhein-Westfalen) auf dem Vorplatz des Hauptbahnhofs zu sehen.Foto: Markus Böhm/dpa

Ausschaffung, so lautet das anschauliche Wort, das Schweizer verwenden, wenn sie Asylsuchende abschieben, Ausländer zur Ausreise zwingen. Ausschaffen hört sich danach an, dass man sich etwas oder jemanden aktiv vom Halse schafft, eine Last loswird. Den Traum vom großen Ausschaffen, vom nationalen Großreinemachen träumt hierzulande vor allen anderen die Alternative für Deutschland, die AfD.
100 Tage ist es jetzt her, dass jene Partei ihr bisher bestes Propagandageschenk erhalten hat, und es dürfte einen Extra-Anlass für das Knallen von Sektkorken auf AfD-Partys geliefert haben. In der Nacht wurde für ein paar Stunden der Albtraum Realität, den rechte Gruppen beschworen. Massenhaft kam es in Köln zu sexuellen Übergriffen auf im Freien feiernde Frauen, begangen mutmaßlich vor allem von jungen Migranten aus dem Maghreb, aus Marokko und Algerien.

Kopflos standen zudem die Ordnungshüter daneben

Gestohlen wurde obendrein, Portemonnaies und Mobiltelefone verschwanden in den Taschen vieler der Männer, die im Rausch der Gruppendynamik Momente der Anomie, der Gesetzlosigkeit, erst mitschufen, dann ausnutzten. Besser hätte nichts und niemand als dieser hormongesteuerte Flashmob von Frauenmissachtern die rechten Ressentiments der Stunde bedienen können. Kopflos standen zudem die Ordnungshüter daneben, als die Frauen drangsaliert wurden, und tagelang haben sie weder das Ausmaß der Übergriffe noch die Herkunft der mutmaßlichen Täter öffentlich kommuniziert.
In den 100 Tagen seither ist die Zahl der Flüchtlinge an den Grenzen stetig zurückgegangen. Es ist unklar, ob das vor allem mit dem Aufschrei nach Köln zu tun hatte oder doch eher mit dem verschärften Grenzregime der Staaten entlang der sogenannten Balkanroute, und womöglich zuletzt auch mit dem fragwürdigen Abkommen zwischen der Türkei und der Bundesregierung. Während im Sommer 2015 noch täglich bis zu 8000 und mehr Asylsuchende ins Land kamen, sind es augenblicklich kaum 200 am Tag.
Zeitgleich indes erklomm die AfD bei einer Umfrage Ende März einen Spitzenwert von 13 Prozent Zustimmung. Im September 2015 hatte sie ihre fünf Prozent erreicht. Ihren entscheidenden Schub erhielt sie erst nach den Kölner Ereignissen. Auffällig daran ist, dass das Anwachsen der einmal geschürten Ressentiments nicht in Korrelation zur realen Anzahl der Neuankömmlinge steht, sondern realitätsunabhängig geschieht. Aufs „Ausschaffen“ wird weiter gehofft. Angst, heißt es immer wieder, sei der Affekt, der einheimische Leute zur Abwehr zuwandernder Leute treibt. Ist es wirklich Angst? Mit Ausnahme der anarchischen Kölner Nacht der Kriminalität liefern Flüchtlinge kaum nachweisbare Anlässe zur Panik.
Wo sie aber fehlen, werden sie hergestellt, nachzulesen auf der Website hoaxmap.de, die frei erfundene Gerüchte über Geflüchtete inklusive widerlegender Quellen sammelt. Aufschlussreich ist der Inhalt der Gerüchte. Geflüchtete prellen die Zeche, rauben Rentner und Lehrlinge aus, besuchen eigens für sie eingerichtete Bordelle, dringen in eine Damensauna ein, vergewaltigen Mädchen, missbrauchen Kinder, werden von Ämtern gratis ausgestattet mit Mobiltelefonen und Markenkleidung, verlangen kostenlos chauffiert werden, bedienen sich im Supermarkt mit der Behauptung „Frau Merkel zahlt“, essen umsonst in Restaurants, attackieren ehrenamtliche Helfer, wildern auf Feld, Wald und Wiesen, schlachten Schwäne und Hunde, schmuggeln und tragen Waffen, schleppen Seuchen ein und plündern ganz generell das Staatssäckel. Hunderte frei erfundener Untaten wimmeln im Netz und durchziehen unzählige Alltagsgespräche.

Aufklärung ist der wirksamste politische Impfstoff

Den Urhebern der Gerüchte ist nicht klar, wie sehr sie damit eigene Fantasien der Übertretung von Normen und der Alimentierung durch den Staat preisgeben. Produziert werden in der Fantasie, Träumen gleich, rechtsfreie Räume des Sadismus, der Wollust und der Völlerei. Geahndet wird die unbewusste Projektion am anderen, am vermeintlichen Eindringling. Eingedrungen ist in Wahrheit das Unbewusste in die Sphäre einer nur simulierten Realität. Von Ängsten kann daher weniger die Rede sein als von aus ihren Kokons geschlüpften Wünschen.
Solche Gerüchte tragen zu einem Klima bei, in dem es extrem erschwert wird, berechtigte Sorgen und irrationale Stimmungsmache voneinander zu trennen. Doch genau darum geht es. Denn die Berechtigung zur Sorge existiert. Nicht zuletzt bewies das der Brüsseler Attentäter Salah Abdeslam, als er unbehelligt in einer Ulmer Flüchtlingsunterkunft Station machte.
Keine Frage: Neben der ökonomischen Globalisierung breitet sich global islamistischer Terror aus. Er entstammt Ideologien, die Staat und Religion, Realität und Wahn noch nicht zu trennen verstehen. Er entstammt exakt dieser semiglobalen Bildungskatastrophe. Aufklärung, die Globalisierung des Säkularismus, das ist der wirksamste politische Impfstoff gegen diese Epidemie. Ihr gegenüber ist Furcht angebracht und Mut zur bildungspolitischen Entwicklungshilfe unabdingbar, in Deutschland wie in ganz Europa. Reaktionäre Gerüchte und Stimmungen sabotieren just dieses für die Demokratie existentielle Projekt.

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