11. September : Tag der Trauer und des Zorns

Streit und Proteste statt stillen Gedenkens: Die Debatte um den geplanten Moscheenbau und eine angekündigte Koranverbrennung beherrschen den neunten Jahrestag der Terroranschläge vom 11. September 2001.

Friedemann Diederichs
Immer noch eine Großbaustelle: Am Ground Zero in New York, dem Standort des zerstörten World Trade Center, wird Tag und Nacht gebaut.
Immer noch eine Großbaustelle: Am Ground Zero in New York, dem Standort des zerstörten World Trade Center, wird Tag und Nacht...Foto: AFP

Längst ist die Dunkelheit hereingebrochen, doch das Dröhnen der Bagger und Röhren der Lkw-Motoren dominieren immer noch Ground Zero. Rund um die Uhr, an sieben Tagen in der Woche, lassen mehr als 2000 Arbeiter das World Trade Center neu entstehen. Die Zeit drängt: Bis 2013 soll der massive Komplex fertig sein, zwei Gedächtnis-Wasserbecken und ein Museum inklusive. Doch heute, am neunten Jahrestag der Terroranschläge des 11. September 2001, wird von Sonnenaufgang bis -untergang Stille einkehren.

Es ist ein Tag der Trauer, der vor allem bei den Angehörigen der 2982 Opfer die Schmerzen neu belebt. Doch auch bei anderen erwecken 9/11 und das gewaltige Loch im Herzen Manhattans immer noch starke Emotionen. Vor dem Eingang zum Feuerwehrhaus der „Ladder Co. 10, Engine 10“, das direkt an Ground Zero angrenzt, steht eine Touristengruppe und macht Erinnerungsfotos. Eine Plakette an der Außenwand und ein Poster mit vielen Gesichtern erinnern an jene 343 Feuerwehrleute, die es vor neun Jahren nicht mehr aus den beiden Türmen schafften. Zwei Frauen wischen sich Tränen aus den Augen, als sie lange die Bilder der Toten betrachten und den Schriftzug lesen: „Jenen gewidmet, die fielen – und jenen, die weitermachen“.

Weitermachen und gleichzeitig die Trauer bewältigen, das ist in diesem Jahr besonders schwierig für die Opferfamilien. Denn viele von ihnen empfinden auch Verbitterung, dass andere sich ins Rampenlicht gedrängt haben und den Tag der Erinnerung für sich vereinnahmen wollen. Wie der niederländische Rechtskonservative Geert Wilders, der heute nur zwei Straßenzüge von Ground Zero entfernt gegen das geplante Islamzentrum und die darin enthaltene Moschee demonstrieren will. Oder der radikale Pastor Terry Jones, der mit seiner geplanten Koranverbrennung und dem Rätseln darüber, ob er diese Provokation tatsächlich durchführen wird, seit Tagen nicht nur in den USA die Schlagzeilen dominiert. US-Präsident Barack Obama warnte Jones am Freitag im Washington noch einmal eindringlich vor den Folgen einer Koran-Verbrennung. Aktionen wie die Drohungen des Pastors gefährdeten US-Truppen im Ausland, sagte Obama.

Der Moscheenstreit und die Aufregung um die Koranverbrennungspläne des radikalen Pfarrers, der dem Koran die Schuld für die 9/11-Anschläge gibt, rücken auch andere Dinge in den Hintergrund. Noch immer werden um Ground Zero sowie beim Durchsieben des Schutts der Türme Überreste von Opfern gefunden, im Juni dieses Jahres waren es allein 72 Leichenteile. Am Freitag trafen sich deshalb New Yorker Gerichtsmediziner mit Familien von jenen, die endlich identifiziert werden konnten. Verdrängt wird aber auch, dass manche Angehörigen versuchen, die Tragödie mit guten Taten zu bewältigen. Wie Susan Retik und Patti Quigley, die beide ihre Ehemänner bei den Anschlägen verloren – und bisher mit einem privaten Projekt über 1000 verwitweten Frauen in Afghanistan geholfen haben, den Schritt zu einem selbstständigen Einkommen zu tun. Doch für solche Nachrichten findet sich in diesen Tagen in den US-Medien so gut wie kein Platz.

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