Politik : 17 000 Menschen sterben im Jahr an Klinikmängeln

Rainer Woratschka

Berlin - Die Todeszahl sei enorm, sagt Matthias Schrappe, und das Problem deshalb „ungemein drängend“: Pro Jahr sterben, so der Chef des Aktionsbündnisses Patientensicherheit (APS), in deutschen Kliniken 17 000 Menschen an sogenannten „vermeidbaren unerwünschten Ereignissen“. Dazu gehören Behandlungsfehler, Arzneiunverträglichkeiten und – vor allem – Infektionen, die sich die Kranken erst im Klinikum zuziehen. Mindestens jeder tausendste Patient stirbt also nicht an seiner Krankheit, sondern an einer Nachlässigkeit des Klinikpersonals. Und zwei bis vier Prozent werden geschädigt.

Das Problem dürfe nicht in eine „dunkle Ecke gedrängt werden“, mahnte Gesundheitsministerin Ulla Schmidt bei der Vorstellung des aktuellen APS-Tätigkeitsberichts in Berlin. Man müsse offen darüber reden, um künftige Fehler zu vermeiden. Das 2005 gegründete Bündnis aus 140 Verbänden, Körperschaften und Einzelpersonen entwickle dafür praxisnahe Konzepte. Zum Beispiel gegen Verwechslungen. 10 bis 15 Prozent der Deutschen, folglich auch der Ärzte, leiden laut Schrappe unter einer Rechts-links-Schwäche. Dadurch komme es immer wieder zu tragischen Fehlern. Nach der Analyse von 100 Fällen empfahl das Bündnis, das zu operierende Teil künftig direkt zu markieren und nicht mehr auf einem Kleidungsstück, das vor dem Eingriff womöglich ausgezogen wird. Außerdem drängen die Experten die Kliniken massiv zum Aufbau eines Melde- und Fehlerlernsystems.

Nächster Schwerpunkt ist das Thema Hygiene. Mit dem Robert-Koch-Institut plant das Bündnis eine Händewaschkampagne. Kliniken sollen nicht nur ihre Infektionsraten melden, sondern auch ihren Verbrauch an Desinfektionsmitteln. Obwohl jeder die Gefahr kenne, sagte Berlins Ärztepräsident Günther Jonitz, gebe es hier Riesendefizite. Die meisten Keime würden durch die Hände der Behandelnden übertragen.

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