Politik : 20 000 Türken fielen am 17. August der Katastrophe zum Opfer

Thomas Seibert

Das Jahr 1999 wird den Türken als jenes Jahr in Erinnerung bleiben, in dem ihre Welt ins Wanken geriet - angefangen mit dem Boden unter ihren Füßen. Kurz nach drei Uhr morgens am 17. August erschütterte ein gewaltiges Erdbeben den gesamten Nordwesten der Türkei; als die Erde nach 45 Sekunden wieder still war, lagen mehr als 20 000 Menschen tot in den Trümmern. Die Naturkatastrophe, mit deren Folgen die Überlebenden noch heute kämpfen, erschütterte auch das Vertrauen der Türken in ihren Staat, der sie in der Krise im Stich ließ. Statt sie massenhaft gegen den gleichgültigen Zentralismus in Ankara zu mobilisieren, hat diese Erfahrung die Türken aber vor allem in ihrem Fatalismus bestärkt.

Das Beben hatte die Stärke 7,4 auf der Richterskala und traf die am dichtesten besiedelte Gegend der Türkei; seine verheerende Auswirkung war aber auch der schlampigen Bauweise dort zuzuschreiben. Die Forderung nach Konsequenzen für andere gefährdete Regionen ist schon wieder verhallt - die chaotische Millionenstadt Istanbul etwa ist nach wie vor eine Katastrophe im Wartestand.

Nahezu die gesamte Türkei ist nach Erkenntnissen von Seismologen erdbebengefährdet. Viel mehr wissen die Wissenschaftler aber nicht, wie die Türken erfahren mussten: Ein zweiter Erdstoß sei nicht zu erwarten, erklärten die Forscher - da erschütterte am 12. November ein Beben der Stärke 7,2 erneut den Nordwesten und kostete weitere 800 Menschen das Leben. Im Katastrophengebiet sind noch Zehntausende ohne festes Dach über dem Kopf. Die staatliche Hilfe hatte von Anfang an versagt; trotz eines öffentlichen Aufschreis der Empörung änderte sich daran nicht viel. Inzwischen brausen die Bürokraten wieder in Luxusautos durch die Zeltstädte der Erdbebenopfer und lassen Demonstrationen der Obdachlosen von Soldaten auflösen.

Die Erde bebt weiter: Vom Mittelmeer bis an die Schwarzmeerküste wird die Türkei täglich von mehreren schwachen bis mittleren Beben erschüttert. Ein gesamtes seismisches System sei in Bewegung geraten, so die Forscher, und wie sich dieses System künftig verhalten wird, kann niemand vorhersagen - Inschallah, wie der Türke sagt: Gottes Wille geschehe.

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