20 Jahre Ceausescu-Sturz : Rumänien: Die gestohlene Revolution

Vor 20 Jahren stürzten die Rumänen ihren Diktator Nicolae Ceausescu – ihre Hoffnungen haben sich allerdings noch nicht erfüllt.

Frank Stier[Sofia]

„Besser die Panzer kommen“, sagte Bulgariens Staats- und Parteichef Petar Mladenov am 14. Dezember 1989 angesichts einer aufmüpfigen Protestmasse vor dem bulgarischen Parlament. Der Politiker, der Bulgariens langjährigem starken Mann Todor Schiwkow nachgefolgt war, beließ es bei der Drohung, doch alljährlich begehen die Bulgaren diesen Tag als Gedenktag, um daran zu erinnern, wie knapp sie in ihrem Übergang vom Totalitarismus zur Demokratie einer nationalen Katastrophe entgangen sind. Stattdessen führte das Nachbarland Rumänien in den folgenden Wochen der Welt das grausame Szenario eines blutigen Bürgerkriegs vor Augen.

Es begann am 15. Dezember 1989 in der südwestrumänischen Stadt Temesvar. Gläubige versammelten sich vor der Wohnung des regimekritischen Pfarrers Laszlo Tökes, um seine Zwangsversetzung zu verhindern. Ihr Mut steckte Studenten und Arbeiter an, schon am 17. Dezember demonstrierten Tausende auf dem Temesvarer Opernplatz gegen die ein knappes Vierteljahrhundert währende Diktatur des vom Cäsarenwahn befallenen Staats- und Parteichefs Nicolae Ceausescu. „Sturz der Tyrannei!“ und „Freiheit!“ forderten sie und provozierten eine gnadenlose Reaktion der Staatsgewalt. Die Armee und der Geheimdienst Securitate töteten Dutzende Demonstranten, verhinderten indes nicht, dass sich Temesvar am 20. Dezember 1989 zur ersten „freien Stadt“ erklärte.

Der revolutionäre Unmut der Rumänen erreichte die Hauptstadt Bukarest am 21. Dezember 1989; Vom Balkon des Parteigebäudes herab versuchte „Conducator“ („Führer“) Ceausescu, „sein Volk“ auf den „Sozialismus“ einzuschwören und wurde dafür ausgebuht. Am nächsten Tag stürmten Aufständische das Haus der Partei; Ceausescu und seine Gattin Elena, die selbsternannte „liebevolle Mutter der Nation“, sahen sich zur Flucht mit dem Hubschrauber genötigt.

„Das Volk hat den Tyrannen gestürzt und wird seine Macht nicht mehr aus den Händen geben“, rief Ion Iliescu, Führer der neugegründeten Front zur Nationalen Rettung. Doch gerade Iliescu wurden schon bald autoritäres Gehabe und Verrat der demokratischen Ideale vorgeworfen; als mehrfacher Staatspräsident spielte er bis 2004 eine dominierende Rolle in der rumänischen Politik.

Am Nachmittag des 22. Dezember 1989 gerieten Nicolae und Elena Ceausescu nach abenteuerlicher Flucht in die Fänge der neuen Machthaber. Unter dem Vorwurf „Genozid am eigenen Volk“ wurden sie am ersten Weihnachtsfeiertag zum Tode verurteilt und von einem Erschießungskommando hingerichtet. Fernsehbilder vom Schauprozess und den Leichen des Paares dokumentierten den Rumänen und der Welt zweifelsfrei das Ende von Ceausescus Terrorregime. Tödliche Scharmützel zwischen loyalen Soldaten und aufständischen Securitate-Kämpfern gingen tagelang weiter; über tausend Menschen sollen ihnen zum Opfer gefallen sein.

Gedenken die Rumänen dieser Tage der Ereignisse vor zwanzig Jahren, erinnern sie sich nicht nur mit Bitterkeit an das Leid der Märtyrer der Revolution. Sie sehen auch ihre großen Hoffnungen auf Demokratie unerfüllt. Seit 2007 ist Rumänien Mitglied der Europäischen Union, doch zuletzt hat die juristische Anfechtung der Wiederwahl von Traian Basescu zum rumänischen Präsidenten Anfang Dezember gezeigt, wie es um die demokratische Kultur in Rumänien bestellt ist. Die Transformation war in ihrem ganzen Verlauf geprägt von politischer Konfrontation und Korruptionsskandalen. Wie kaum ein anderes EU-Land leidet Rumänien unter der internationalen Wirtschaftskrise.

Laszlo Tökes sitzt heute für die Europäische Volkspartei (EVP) im Europäischen Parlament in Straßburg. Rumänien stünden weitere harte Jahre bevor, warnt er: „Was vor zwanzig Jahren begonnen hat, muss weitergeführt werden. Die Menschen sind von der ,gestohlenen Revolution’ enttäuscht. Die Situation ist noch immer sehr konfus, daran liegt es, dass wir keine Fortschritte zu wirklicher, radikaler und glaubhafter Demokratie machen“, sagte Tökes der britischen Tageszeitung „Times“.

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